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Normale Version: LP21 - Kompetenzenorientierung als konstruktivistisches Lehr- und Lernverständnis
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Die LP21-Befürworter behaupten die Bewertung nach dem Kompetenzmodell wäre transparenter und vergleichbarer als die Notengebung. Wie sieht nun eine solche Bewertung in der Schulpraxis aus? Nehmen wir dazu ein einfaches Beispiel:

Kompetenzcodierung BS.1.A.1 „Sich-Orientieren“, Auftrag 1. Zyklus: 3a. „Die Schülerinnen und Schüler können sich in der Sporthalle und auf dem Pausenplatz selbstständig zurechtfinden“. http://lu.lehrplan.ch/index.php?code=a|9|0|1|1|1&hilit=101hS5LChM2yUFY5VDTsCfwGkEBuVZYyc#101hS5LChM2yUFY5VDTsCfwGkEBuVZYyc

Wie kann der Lehrer beurteilen, ob sich ein Schüler in der Sporthalle und auf dem Pausenplatz zurechtfinden kann? Was für Kriterien muss er zu Hilfe nehmen? Weil der Lehrplan 21 dazu nichts sagt, wird jeder Lehrer ein eigenes Kriterium "erfinden" müssen, womit jedoch die Vergleichbarkeit nicht mehr gewährleistet ist. Ein Lehrer wird die Tatsache, dass ein Kind den Weg von der Garderobe in die Turnhalle gemeistert hat, als Vorhandensein dieser Kompetenz bewerten. Was aber, wenn er nur seinen Kameraden nachgelaufen ist? Wenn ein Lehrer das genauer messen möchte, müsste er ein aufwändiges Testszenario ausarbeiten und zeitaufwändig durchführen, um den Grad des Vorhandenseins dieser Kompetenz bei jedem Schüler individuell feststellen zu können.

Warum geht man von der einfachen, vergleichbaren Notengebung weg? Die Kompetenzorientierung beruht auf dem konstruktivistischen Lehr- und Lernverständnis und verlangt gemäss den „Grundlagen für den Lehrplan 21“ https://www.lehrplan.ch/sites/default/files/Grundlagenbericht.pdf als alleinige „zeitgemässe“ Methode das „selbstgesteuerte Lernen“, Zitat D-EDK: «Mit der Kompetenzorientierung ergibt sich eine veränderte Sichtweise auf den Unterricht. Lernen wird verstärkt als aktiver, selbstgesteuerter, reflexiver, situativer und konstruktiver Prozess verstanden.»

Die Pädagagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz lehrt die angehenden Lehrerstudenten „Kompetenzen als konstruktivistisches Lehr- und Lernverständnis“, Zitat: „Lernen wird als konstruktiver, aktiver, selbstgesteuerter, sozialer, problem-orientierter (bzw. situierter) Prozess verstanden (u.a. nach Mandl 2000; Reusser 2013)“. http://www.oda-kt.ch/fileadmin/user_upload/pdf/D/Grundlagen/4_OdAGZ_2014_03_05_Praesentation_Austausch_BV.pdf

Mit dem „selbstgesteuerten Lernen“ werden Klassenunterricht und Lehrer abgeschafft, weil jeder Schüler selber entscheiden muss, wie, wann, wo und ob er lernen will. Damit arbeitet jeder Schüler vom ersten Schultag an allein, in seinem Tempo und die Lernstandschere in der Klasse geht immer weiter auseinander (Chancengleichheit ade!).

Da die Schüler immer unterschiedlich weit im Stoff sind, können keine Klassenprüfungen – die Grundlage der bisherigen Notengebung - gemacht werden. Damit wird die angebliche Methodenfreiheit beim LP21 nicht nur beim Unterricht sondern auch bei der Notengebung zur Farce, der Lehrer wird gezwungen als „Lernbegleiter“ kompetenzorientiert zu arbeiten. Falls er dazu nicht bereit ist, würde ihm - in den Versuchsschulen schon heute - die Kündigung nahegelegt.
Das Irre am selbstgesteuerten Lernen ist, dass die Kinder noch viel häufiger und umfassender gemessen werden müssen als bisher. Das ist einerseits diesen unzähligen Kompetenzen geschuldet, andererseits dem Glauben an die totale Individualisierbarkeit der Schule. Letztlich wird dadurch ja das Lernen nicht freier, man kann lediglich sein Tempo selber wählen, muss sich dafür aber laufend über seinen Lernstand ausweisen.
In etwa 10 Jahren werden wir wissen, was wir unseren Kindern heute angetan haben. So lange dauert es etwa, bis eine Schulreform in der Gesellschaft Resultate zeigt, was kürzlich wieder in einer bemerkenswerten Analyse zum Finnland-Absturz in PISA nachzulesen war:
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/Darum-lesen-finnische-Schueler-ploetzlich-schlechter-/story/24838029