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Normale Version: LEHRPLAN 21 in der Praxis: „Kaninchenaufgabe“
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Aus „Kompetenzorientiert unterrichten“, Bildungsdirektion Kanton Zürich

Quelle: http://www.vsa.zh.ch/internet/bildungsdirektion/vsa/de/schulbetrieb_und_unterricht/projekte/projekt_lehrplan_21/_jcr_content/contentPar/downloadlist/downloaditems/brosch_re_kompetenzo.spooler.download.1460446156182.pdf/webversion_broschuere_kompetenzorientiert_unterrichten.pdf

Kompetenzorientierte Aufgabenstellung gemäss den Grundlagen Lehrplan 21 Kanton Zürich: Quelle: http://zh.lehrplan.ch/container/ZH_Grundlagen.pdf
„Gute kompetenzorientierte Aufgaben sind fachbedeutsame, gehaltvolle Aufgaben. Inhaltlich attraktive und methodisch durchdachte Aufgaben und Lernaufträge sind die zentralen fachdidaktischen Gestaltungselemente von Lernumgebungen und bilden damit das Rückgrat guten „Unterrichts“.

Kaninchenaufgabe (Mathematik, 2. Zyklus: 3. bis 6. Klasse)

Aufgabenstellung
Die Schülerinnen und Schüler erhalten folgende Aufgabe: Ein neugeborenes Kaninchenpaar braucht jeweils zwei Monate, bis es geschlechtsreif ist. Ab dem zweiten Monat kommt dann jeden Monat ein Pärchen zur Welt, das seinerseits nach zwei Monaten wieder monatlich ein Pärchen kriegt. Wie viele Pärchen sind es nach einem Jahr?


Kritischer Kommentar zur Aufgabenstellung:

Die obige Mathematikaufgabe weist die folgenden typischen Züge einer kompetenzorientierten Aufgabenstellung auf, die für Schüler und Lernbegleiter (Vorbereitung) sehr zeitaufwändig ist, aber einen sehr geringen, nachhaltigen Lerneffekt haben dürfte:

Ideologischer Kontext aus kompetenzorientierter Sicht gemäss dem Begleitheft „Kompetenzraster“  siehe jeweils unter REFORMER: Quelle: http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/bbb/unterricht/faecher/naturwissenschaften/mathematik/Begleitheft_Kompetenzraster.pdf

1 Kein Input und keine Unterstützung durch „Lernbegleiter“
Grund: Konstruktivismus: Der Konstruktivismus behauptet, dass der Lehrer dem Schüler sein Wissen nicht mittels Unterricht vermitteln könne, sondern dass der Schüler sein Wissen selber konstruieren müsse („Rad neu erfinden“).

REFORMER: „Im Sinne des Selbstwirksamkeitskonzeptes werden die Aktivitätsschwerpunkte in die Richtung der Lernenden verlagert. Sie übernehmen die Hauptverantwortung für ihre Leistungen und deren Qualität.“ „Die Stärke des Selbstwirksamkeitsglaubens korrespondiert mit dem „Wohlfühlfaktor“.

2 Aufgabe nicht für „selbstgesteuertes Lernen“ geeignet
Grund: Die kompetenzorientierten Aufgaben sind in erste Linie für das „selbstgesteuerte Lernen“ konzipiert und deshalb einfach gehalten. Für dieses Musterbeispiel wurde jedoch eine „herausfordernde Problemstellung“ gewählt, die zur Lösung eine Gruppenarbeit erfordert, weil nur sehr gute Schüler - ohne Unterstützung durch den Lernbegleiter - solche Aufgaben lösen können.

Das „selbstgesteuerte Lernen“ dauert für die meisten Schüler natürlich zeitlich länger, weil sie sich „auf offene Aufgaben einlassen, Beziehungen erforschen, Vermutungen formulieren und eigene Lösungsalternativen suchen“ müssen. Damit sie damit nicht in Stress kommen, werden im LP21 die fachlichen Ziele vermehrt nach hinten, in die nächsten Klassen, verschoben oder ganz aufgegeben.

Im Rechnen bedeutet das zum Beispiel, dass das Verstehen und Auswendiglernen des Einmaleins, das heute in der zweiten Primarschulklasse stattfindet, auf die 2er, 5er und 10er-Reihe beschränkt würde. Erst Ende der sechsten Klasse müssten die Schüler gemäss LP21 «die Produkte des kleinen Einmaleins kennen“. Sollte das Einmaleins noch nicht sitzen, dürfen sie ab der fünften oder sechsten Klasse die «Grundoperationen mit dem Rechner ausführen».


3 Unterforderung der meisten Schüler
Mindestanspruch (g): „Die Schülerinnen und Schüler können Zahlenfolgen veranschaulichen“(z.B. die Zahlenfolge 1, 3, 6, 10, … mit  Punkten).

Grund: „Individuelle Erfolge ermöglichen“

REFORMER: „Dazu brauchen Lernende Lernvoraussetzungen und Lernumgebungen, die individuelle Erfolge ermöglichen. Erfolge bilden die Grundlage für einen robusten persönlichen Wirksamkeitsglauben“.

Das „selbstgesteuertes Lernen“ ist für meisten Schüler der Primarstufe eine Überforderung, deshalb muss das Niveau auch gesenkt werden, um trotzdem gute durchschnittliche Klassenleistungen ausweisen zu können.

4 Gar nicht oder schwierig lösbare Aufgaben
(Multiplikation zweier verschiedener Grössen usw.) Grund: „Sinnstiftende Bedeutung geben“
REFORMER:  „Das bedeutet, dass Lerninhalte so aufbereitet sein sollten, dass es den Schülerinnen und Schülern hilft, Dinge einzuordnen und ihnen Sinn stiftende Bedeutung zu geben (Bandura) sowie wissensbasiert zu handeln“.

5 Überforderung schwächerer Schüler

Mindestanspruch (f): „Die Schülerinnen und Schüler können auszählbare kombinatorische Fragen untersuchen“.

Grund: „Herausfordernde Problemstellung“.

KOMPETENZORIENTIERT UNTERRICHTEN: „Die Aufgabe ist so gewählt, dass eine herausfordernde Problemstellung den Ausgangspunkt einer mehrstündigen Arbeit bildet. Nach der Hypothesenbildung folgt die Wahl einer geeigneten Strategie oder Methode. Die Schülerinnen und Schüler sollen die Ergebnisse tabellarisch darstellen und eine Präsentation vorbereiten.

Lernen
„Die Schülerinnen und Schüler machen sich alleine oder in Kleingruppen an die Arbeit. Nach einigen Minuten nennt ein (!) Schüler die ganze Folge bis 144. Er erklärt den anderen, wie er die Lösung gefunden hat“.

Lösung
Monate     2 3 4 5 6  7   8   9 10  11  12
Kaninchen 1 2 3 5 8 13 21 34 55 89 144

Auch Eltern wären bei solchen Hausaufgaben überfordert. Kombinatorik wird erst in der Mittelschule gelehrt.


6 „Lernen durch Lehren“ (oder „Ältere unterrichten jüngere“)
ist eine handlungsorientierte, konstruktivistische Unterrichtsmethode, bei der Schüler oder Studenten lernen, indem sie sich den Stoff gegenseitig vermitteln. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Lernen_durch_Lehren

Es ist begrüssenswert, wenn Schüler sich gegenseitig helfen. Hier wird dies aber zu einem konstruktivistischen Prinzip erhoben, das den Unterricht des Lehrers ersetzen soll. In der Zürcher Broschüre LP21 "kompetenzorientiert unterrichten" läuft das unter dem Kapitel  "Ältere unterrichten Jüngere", "wobei sie in der Rolle der Expertin/des Experten über Wissen und Können verfügen". Vom Lehrer als Experten, der unterrichtet, findet sich jedoch nirgends etwas.

KOMPETENZORIENTIERT UNTERRICHTEN: "Der Auftrag ist offen gehalten: Die älteren Schülerinnen und Schüler sollen etwas auswählen, was sie selber gerne machen und dies vier jüngeren beibringen".

Während dem Lehrer alles vorgeschrieben wird, dürfen die Schüler machen, was sie wollen und der Lehrer darf - befolgt er die konstruktivistischen Vorgaben - nicht intervenieren, also nichts  beibringen, nicht erziehen, nicht motivieren und nicht erklären. Kein Wunder, wenn es weiter heisst: "Die zu unterrichtenden Schülerinnen und Schüler machen begeistert mit oder stellen sich quer".

Es ist nicht die Aufgabe der Schüler, den anderen zu erklären, während der Lehrer sich von seiner Hauptaufgabe zurückzieht. Bei den altersgemischten Klassen macht der lernschwache ältere Schüler dabei häufig die Erfahrung, dass ein jüngeres Kind ihn schon nach wenigen Wochen in der gleichen Klasse überflügelt.

7 Ideologische Beeinflussung
hier nicht relevant, da Hinweis auf nicht artgerechte* Kaninchenställe fehlt. (anderes Beispiel: „Welche Preisangebote findet ihr gerecht/ungerecht?“)
REFORMER: „Durch die Art und Weise, wie über Probleme nachgedacht wird, offenbaren sich auch Haltungen und Einstellungen“.

*Auch für Kaninchen gelten die allgemeinen Bestimmungen des Tierschutzgesetzes (TschG) und der Tierschutzverordnung (TschV). Zudem muss einen Sachkundenachweis erbringen, wer mehr als 500 Jungtiere jährlich produziert (Art. 31, Abs. 4 Bst. d TschV).

8 Keine Übungsmöglichkeiten
Grund: „fremdgesteuertes Auswendiglernen“ unerwünscht.

REFORMER: „Fremdgesteuertes Auswendiglernen führt häufig dazu, dass Schülerinnen und Schüler im Alltag seltener auf die im schulischen Kontext [der Kompetenzorientierung] vermittelten Lösungswege zurückgreifen.“

9 Nicht strukturiert in Richt- und Grobziele
Grund: „sind in aufeinander aufbauenden Kompetenzstufen formuliert“

10 Kein Bezug zu Lernzielen erkennbar
Grund: „Lernzielorientierung“ unerwünscht

REFORMER: „Lernzielorientierung verleitet dazu, sich intensiver um Wissenserwerb als um die intelligente Anwendung des Wissens zu bemühen.“

11 Zeitaufwändige Lösungssuche
mit wenig Lerneffekt, da Gruppenarbeit mit Präsentation.

Grund: KOMPETENZORIENTIERT UNTERRICHTEN: „Die Aufgabe ist so gewählt, dass eine herausfordernde Problemstellung den Ausgangspunkt einer mehrstündigen (!) Arbeit bildet“.

12 Schwierige, willkürliche, wenig transparente Bewertung
der „gemeinsamen“ Lösungen. Grund: nach Kompetenzen bewerten „Reflexion“:

KOMPETENZORIENTIERT UNTERRICHTEN:
Reflexion
„Alle Gruppen haben an den Kompetenzen „Mathematisieren und Darstellen“ und „Erforschen und Argumentieren“ gearbeitet. Sie erreichen (!) die Kompetenzstufen (g) und (f)“. „Zum Abschluss werden die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, nochmals ihr Vorgehen und die Zusammenarbeit (sic !) zu besprechen, dabei sich selber einzuschätzen (!) und eine Rückmeldung an die Partnerinnen und Partner zu geben“.