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Vernehmlassung zu den Lektionentafeln des Zürcher Lehrplans 21


Allgemeinbildung und MINT-Fächer stärker in den Fokus rücken

Die überladene Lektionentafel der fünften und sechsten Klasse hat die Diskussion um den eigentlichen Auftrag der Primarschule wieder neu entfacht. Welche Bildungsinhalte sind von grosser Bedeutung für die Entwicklung der Kinder und was ist Zusatzstoff?



Bildungsprogramm der Mittelstufe wie ein Wunschkonzert

Die Vernehmlassung zum Zürcher Lehrplan 21 zeigt, dass die Schule mit zu vielen Erwartungen konfrontiert wird. So soll auf der Mittelstufe neu das Fach Informatik und Medienkunde eingeführt werden, der naturwissenschaftliche Unterricht ausgebaut und neben Deutsch und Englisch auch noch Französisch forciert gelernt werden. Das alle Wünsche umfassende Bildungsprogramm mag das zwar manche Eltern beeindrucken und viele Bildungspolitiker zufriedenstellen. Wie das Mammutprogramm aber unter verschlechterten Rahmenbedingungen mit weniger Halbklassenunterricht umgesetzt werden soll, ist
eine ganz andere Frage.

Ein neu aufgenommener Programmpunkt ist die Stärkung der Naturwissenschaften. Doch dieses zentrale Bildungsziel erreicht man nicht im Handumdrehen. Seit gut zehn Jahren hat die Lehrerbildung in erster Linie in die Fremdsprachendidaktik und die Förderung der sprachlichen Kompetenz der Lehrpersonen investiert. Der ganze Realienbereich mit den Fächern Geschichte, Geografie und Naturwissenschaften geriet dabei arg ins Hintertreffen. Eine ganze Generation von jüngeren Lehrerinnen und Lehrern muss sich erst das Rüstzeug erarbeiten, um einen spannenden und kindgerechten naturwissenschaftlichen Unterricht erteilen zu können.


Viel versprechendes Interesse der Schüler an Realienthemen

Durch das Anvisieren zu vieler Bildungsziele werden Lehrpersonen zu gehetzten Bildungsangestellten. So geht es sicher nicht. Die Schule muss sich entscheiden, welche Fächer wirklich relevant sind und was eher zum Wunschbedarf einer Stufe gehört.

Das Interesse von Schülerinnen und Schülern der Mittelstufe für die reale Umwelt ist enorm. Entsprechend hoch ist die Beliebtheit des Faches Mensch und Umwelt, wenn die Bildungsinhalte kompetent vermittelt werden. Die Motivation für die Themen im Realienunterricht liegt meist deutlich höher als für das Französisch in der sechsten Klasse. Für die Schule gilt es, diese Neugier für das Erkennen von Zusammenhängen und ganz allgemein für den Zugang zu elementarer Bildung zu nutzen. Ein guter Realienunterricht ist in vielfacher Hinsicht ein Dreh- und Angelpunkt moderner Bildung.


Lehrerbildung bei den Naturwissenschaften stark gefordert

Die Wirtschaft beklagt einen erheblichen Mangel an ausgebildeten Technikern und Ingenieuren. Die Weichen für das Interesse an Naturwissenschaften und dem ganzen MINT-Bereich werden schon früh gestellt. Engagierte Mittelstufenlehrkräfte haben dies erkannt und den Kindern beispielsweise in Lektionen mit elektrischen Bauelementen technisches Verständnis geweckt oder mit praktischen naturwissenschaftlichen Experimenten wertvolles Wissen vermittelt. Doch diese Annäherung an die Naturwissenschaftlich blieb mehr oder weniger der Einzelinitiative von Lehrpersonen überlassen.

Nun soll dieser erfolgreiche Ansatz in den Lehrplan der Mittelstufe aufgenommen werden. Das Ziel ist richtig, doch der Auftrag droht an fehlender Zeit, ungenügender Ausbildung und schlechteren schulischen Rahmenbedingungen zu scheitern. Vorerst gilt es, die Anstrengungen in der Primarlehrerbildung zugunsten der naturwissenschaftlichen und technischen Bildung zu verstärken. Das dürfte aber sehr schwierig sein, wenn weiterhin zu viele Ziele im frühen Fremdsprachenlernen verfolgt werden und die Primarlehrerbildung dafür einen enormen Zeitaufwand budgetieren muss.

Wird die Didaktik für die zweite Fremdsprache hingegen der Sekundarlehrerausbildung zugeteilt, können die Pädagogischen Hochschulen dem Realienbereich der Primarschule und den MINT-Fächern den erforderlichen höheren Stellenwert einräumen.


Allgemeinbildung als Basis für gute Nutzung des Internets

Die Schule kann an den Anforderungen unseres Medienzeitalters nicht vorbeiplanen. Der Umgang mit den elektronischen Medien setzt ein solides Allgemeinwissen voraus, damit die Orientierung in der Datenflut des Internets einigermassen gelingt. Ohne ein hilfreiches Weltbild, das in einem farbigen Realienunterricht schrittweise entworfen wird, bleiben Lernfortschritte beim Einsatz des Internets zu stark dem Zufall überlassen. Unsere Welt ist komplex geworden, aber ein anschaulicher Realienunterricht mit Schwerpunktbildung kann wichtige Voraussetzung für das Verstehen wesentlicher Zusammenhänge schaffen.

Die Mittelstufe hat die anspruchsvolle Aufgabe, im Realienunterricht den Schülern ein Stück Welt ins Schulzimmer zu bringen. Was bieten sich da nicht alles für Chancen, um Neues zu entdecken und Fragen nachzugehen! Guter Realienunterricht weckt das Interesse für Kultur und ist im besten Sinne Menschenbildung. Ein lebendiger Naturkunde- und Zoologieunterricht kann die Basis für späteres naturwissenschaftliches Forschen legen. Es sind verpasste Chancen, wenn Schülerinnen und Schüler auf der Mittelstufe die Umwelt nur rudimentär kennen lernen oder aus der Geschichte nur wenig Spannendes erfahren, weil die Sprachlastigkeit der Lektionentafel die Lehrkräfte zu sehr in eine andere Richtung drängt.


Wertvolle Wortschatzerweiterung im Sachunterricht

Für Schüler, die sich eher schwer tun mit dem Lesen, bietet der Realienunterricht die beste Gelegenheit, um mit Erfolg Deutsch zu lernen. Wo eine Sache fasziniert, kommt auch die Sprache zum Zug. Das tägliche Sprachbad im Realienunterricht stellte hohe Anforderungen an die fachliche und sprachliche Kompetenz der Lehrkräfte. Aber der Aufwand lohnt sich, wenn auf diese Weise Bildungsprozesse in Gang gesetzt werden. So kann in einer Geografielektion beispielsweise eine eindrückliche Bildfolge über die Zerstörung einer Naturlandschaft zu Denkanstössen und Diskussionen anregen. Oder beim Bau eines kleinen Elektromotors erleben Jugendliche, wie die elektromagnetischen Kräfte wirken und welchen Bauteilen wichtige Funktionen zukommen. Die gewonnenen Einsichten auch sprachlich festzuhalten, ist Teil eines zielgerichteten Realienunterrichts, der die Sprachkompetenz nachhaltig fördern will.

Eine enge Verbindung von Anschauung und Sprache im Realienunterricht ist neben dem Lesen der direkteste Weg, um einen differenzierten Wortschatz zu gewinnen. Diese Feststellung gilt aber nicht mehr, wenn der Realienunterricht für das Lernen von englischem oder französischem Ergänzungsstoff missbraucht wird.


Realienunterricht als Eldorado der Begabtenförderung

Es ist eine zentrale Aufgabe der Volksschule, das vorhandene Begabungspotenzial der Kinder möglichst auszuschöpfen. Es ist aber ein Unsinn, die wichtige Frage der Begabtenförderung fast ausschliesslich auf das frühe Lernen mehrerer Sprachen zu fokussieren. Spätestens in der sechsten Klasse geht im Französisch die Schere zwischen langsam und schnell Lernenden auseinander und führt zu erheblichen Spannungen in den Klassen. Viel besser geeignet für das Ausschöpfen des Lernpotenzials ist der Unterricht in Mensch und Umwelt, weil der gestalterische Freiraum dieses Faches im Gegensatz zu einem stark an den Lernzielen orientierten Fremdsprachenunterricht keine Grenzen setzt.

Der erlebnisorientierte Realienunterricht spricht alle Kinder an und bietet eine Fülle von Möglichkeiten, um Wissensdurstige individuell zu fördern. Was liegt nicht alles drin bei einem Thema wie „Vom Alltag der Römer in Helvetien“ oder bei einer Projektarbeit über den Bau der NEAT- Eisenbahntunnels! Begabte Kinder können ihr ganzes Repertoire an Möglichkeiten hervorholen: Konzentriertes Einlesen ins Thema, Zusatzinformationen im Internet beschaffen, Projekt als schriftliche Arbeit gestalten, Stichworttechnik für den Vortrag anwenden, Präsentationskonzept in der Gruppe besprechen und schliesslich einen Kurzvortrag halten. Begabte Kinder kommen dabei voll auf ihre Rechnung, sei es im kognitiven, gestalterischen oder sprachlichen Bereich. Diese Art der Begabtenförderung ist sozial gut verträglich und bringt in der Regel der ganzen Klasse einen Gewinn.


Notwendige Weichenstellung zugunsten des MINT-Bereichs

Die Volksschule muss einen erfüllbaren Auftrag erhalten, der frei ist von stofflicher Hektik und schwer einzulösenden Versprechungen. Zurzeit muss die Mittelstufe ein Sprachenkonzept umsetzen, das in keiner Weise überzeugt und erhebliche Auswirkungen auf andere Fächer hat. Bei der Einführung der zweiten Fremdsprache in der fünften Klasse ist die Zeit für vorwiegend spielerisches Lernen entwicklungspsychologisch vorbei und das analytische Lernen steckt erst in den Anfängen. Aufwand und Ertrag beim Frühfranzösisch stimmen nicht. Mit der Verschiebung der zweiten Fremdsprache in die Sekundarschule würde Raum geschaffen, damit die Primarschule ihren ganzheitlichen Bildungsauftrag mit den neuen Schwerpunkten in den MINT-Fächern tatsächlich erfüllen kann. Es wäre ein grosser Schritt vorwärts, wenn im neuen Lehrplan die entsprechende Weichenstellung vorgenommen würde.


Fehraltorf, 15. Sept. 2016 Hanspeter Amstutz