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Normale Version: Historia magistra vitae - Der Wahrheit verpflichtet
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Ein Geschichtslehrer kritisiert in seinem Condorcet Blog-Artikel die März-Nummer des LCH-Organs „Bildung Schweiz“, wo in einem interessanten geschichtlichen Überblick von 3500 Jahren die Erzgewinnung in der resourcenarmen Schweiz und speziell das Bergwerk Herznach behandelt wird. Wer jetzt erwartet hätte, dass er als Historiker die Arbeit gewürdigt und sich beim LCH für diese fixfertige Unterrichtslektion bedankt hätte, wird enttäuscht. Vermutlich ist der Artikel ja als Provokation gedacht, um eine Diskussion auszulösen?

Seine Kritik gipfelt im ungeheuren Vorwurf, dass beim Bergwerk nicht erwähnt wurde, dass die Schweiz mit Nazi-Deutschland kollaboriert hätte. Dazu empfiehlt er den Bergier-Bericht, der diese ungeheuerliche Behauptung abstützen würde. Wenn diese Behauptung aus der Perspektive eines Privatmannes oder eines Parteimitgliedes gefallen wäre, könnte ich hier aufhören.

Vermutlich ist es hier aber die Perspektive eines nachgeborenen Geschichtslehrers, der von einem Staat gut bezahlt wird, den unsere Väter im Krieg verteidigt und anschliessend aufgebaut haben. Weil der Vorwurf an die Adresse der Generation unserer Väter geht, die sich nicht mehr wehren kann, werde ich das für sie machen. 

Die Geschichte ist der Bote der Antike, das Licht der Wahrheit, der Lehrer des Lebens (Cicero)

Ich war immer der Meinung, dass die Historiker versuchen, sich in die damalige Lage zu versetzen, um die Beweggründe und Umstände der damaligen Zeit zu verstehen und nicht sie aus heutiger Zeit zu be- oder verurteilen. Was die Beurteilung im Unterricht angeht, muss sich der Lehrer an den Artikel 4 des Bildungsgesetzes halten, der besagt, dass die staatlichen Schulen politisch und konfessionell neutral sind. Nun haben auch Lehrer eine politische Meinung, und die dürfen sie natürlich auch äussern. Für alle Lehrer gilt erst einmal das Recht auf Meinungsfreiheit. Im Unterricht müssen sie sich allerdings zurückhalten, damit ihnen nicht der Vorwurf der Indoktrination gemacht werden kann.

Der Sinn des Neutralitätgebots ist, die Chancengleichheit der Parteien und die freie politische Willensbildung in der Demokratie zu sichern. Die (zukünftigen) Wähler sollen ihr Urteil in einem freien und offenen Prozess der Meinungsbildung fällen können. Lehrer dürfen Schülern ihre eigene Meinung nicht aufdrücken, sie müssen unterschiedliche Positionen aufzeigen, damit die Schüler selbstständig politisch entscheiden.

Das Neutralitätsgebot verlangt von einem Lehrer, der den Schülern erklärt, dass der Bergier-Bericht die Behauptung, die Schweiz sei ein Nazi-Komplize gewesen, beweisen würde, der muss auch das gegenteilige Statement von Jean-François Bergier erwähnen:

„Dieser Link suggeriert, dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg Komplizin der Nazis war. Das ist nicht nur vollkommen falsch, sondern schlicht und einfach eine Ungeheuerlichkeit.“ Jean-François Bergier, 2002.

Der Vorsitzende der Bergier-Kommission, Jean-Francois Bergier, kritisierte das Eisenstat-Buch, das die Komplizenschaft der Schweiz mit den Nazis suggerierte, folgendermassen: „Dieser Link suggeriert, dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg Komplizin der Nazis war. Das ist nicht nur vollkommen falsch, sondern schlicht und einfach eine Ungeheuerlichkeit.“ Tages-Anzeiger vom 17. Dezember 2002.

Wer den Bergier-Bericht empfiehlt, der kaum jemand wirklich gelesen hat, muss auch immer erwähnen, dass er ein Produkt staatlicher Geschichtsschreibung ist, das unter dem Druck ausländischer Mächte entstand, was für eine Demokratie höchst ungewöhnlich ist. Ausserdem darf nicht verschwiegen werden, dass er wegen seiner Einseitigkeit und weil er die Zeitzeugen nicht zu Worte kommen liess, höchst umstritten ist.

Wer der Situation der Schweiz im Zweiten Weltkrieg gerecht werden will, muss immer auch erwähnen, dass die Schweiz von Mitte 1940 bis im Herbst 1944 von den Achsenmächten umschlossen und erpressbar war. Die Schweiz war deshalb fast während des ganzen Krieges den Erpressungen der Achsenmächte ausgeliefert und gleichzeitig denjenigen der Alliierten, weil diese die Schweiz mittels Blockadepolitik erpressten. Als Binnenland hat die Schweiz keinen eigenen Zugang zum Meer und musste Kohle, Kautschuk, Erz usw. durch die von den Achsenmächten besetzten Gebiete transportieren.

Das Hauptproblem blieb während des ganzen Kriegs die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern. Gemäss dem Bergier-Bericht, waren die USA nicht mehr bereit, ein Land wie die Schweiz mit Nahrungsmitteln zu beliefern. Die Schweiz sollte gegen ihren Willen als „Waffe“ gegen Deutschland benutzt werden. Nur dank der Anbauschlacht und der Rationierung fehlte es nie an Grundlebensmitteln. Die Schweizer Bevölkerung hatte allerdings nur einen Drittel der Nahrungsration, die ein amerikanischer Soldat zugeteilt erhielt.

Zum Abschluss ein Zitat des amerikanischen Historikers Stephan P. Halbrook, 1998:
„Als vor drei Jahren Angriffe gegen die Schweiz begangen, war ich erstaunt, in welchem Mass die historische Wahrheit durch reine Propaganda verdrängt worden war. Die bedeutenden schweizerischen Institutionen, welche die Gründer Amerikas beeinflusst hatten, waren diesselben, welche die Schweiz befähigten, sich dem Nazismus zu widersetzen.“