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Normale Version: Gedanken zum Lehrplan 21
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HPA

Positive Aspekte:


  • Der Lehrplan ist in einigen Fächern entschlackt worden und enthält eine durchaus vernünftige Anzahl an Kompetenzen (z. B. bei den Naturwissenschaften)
  • Die Forderung nach einer Zusammenfassung der Teilkompetenzen zu Grundkompetenzen wurde erfüllt (die Kompetenzstufen und ihr vorgegebener Aufbau bleiben aber bestehen)
  • Die Inhalte sind explizit wieder aufgewertet worden und werden auch mit verbindlichen Hinweisen in den einzelnen Fächern festgelegt
  • Die Formulierungen der Kompetenzen ist verbessert worden. Allzu abstrakte oder völlig banale Kompetenzbeschreibungen sind weitgehend gestrichen worden
  • Die Rolle der Lehrperson wird vielfältig gesehen. Grundsätzlich wird die Methodenfreiheit unterstrichen und keine Methode besonders hervorgehoben
  • Bei den Grundansprüchen wird darauf hingewiesen, dass diese für einzelne Schüler noch immer zu hoch sein könnten. Eine Lernzielbefreiung in Teilbereichen wird neu akzeptiert (wohl erst nach genauer Abklärung)
  • Im Fach Geschichte sind die Inhalte konkretisiert worden und die methodischen Anregungen für einen guten Geschichtsunterricht liegen näher bei den Vorstellungen der Schüler



Negative Aspekte und offene Fragen:

  • Der Verzicht auf elementare Jahresziele (Grundkompetenzen) in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen wird Auswirkungen auf den Aufbau der entsprechenden Lehrmittel haben. Die Jahresplanung für die Lehrpersonen wird daher schwieriger
  • Die Anzahl der verbindlichen Stufenziele in den Kernfächern ist immer noch sehr hoch. Um elementare Bildung so zu vermitteln, dass die Schüler wesentliche Bildungsinhalte verstehen und anwenden können, bleibt zu wenig Zeit. Dies könnte zur bekannten Hektik des „Durchnehmens“ möglichst vieler Kompetenzen führen
  • Der Lehrplan ist nach wie vor kein benutzerfreundliches Werk. Eine übersichtliche Gliederung zwischen klar verbindlichen Bildungszielen samt Inhalten einerseits und Anregungen für weitere fakultative Bildungsziele anderseits muss man sich in den meisten Fächern zusammensuchen
  • Das Festhalten an einer stringenten Planbarkeit des Kompetenzaufbaus bis ins Detail bleibt eine pädagogische Selbsttäuschung. Die grosse Heterogenität der Klassen machen die Organisation eines wissenschaftlich gesteuerten Aufbaus von Lernprozessen zu einer Herkulesaufgabe für die Lehrerinnen und Lehrer
  • Die formale Einengung der Kompetenzbeschreibungen auf die stets gleichbleibende Einleitung mit dem Verb „können“ gibt dem Lehrplan den Anstrich, in erster Linie einen exakt planbaren Output anpeilen zu wollen. Bildung mit einem erweiterten Horizont müsste einige Grundkompetenzen auch mit Verben wie verstehen, kennen, usw. beschreiben
  • Die Überprüfung von Lernprozessen, bei denen die Schüler auf unterschiedlichen Kompetenzstufen stehen, ist sehr aufwändig und kann in ganz vielen Bereichen nur einzelne Aspekte erfassen. Es ist anzunehmen, dass die Lehrpersonen häufig zentral ausgearbeitete Tests einsetzen werden, um die Schüler leistungsmässig differenziert erfassen zu können (ähnlich wie die Stellwerktests)
  • Für Schüler mit Teilleistungsschwächen bleibt die grosse Anzahl der Kompetenzziele und fehlende Abwahlmöglichkeiten bei einzelnen Fächern trotz der Relativierung der Grundansprüche eine Belastung. Die im Lehrplan enthaltene Forderung nach einem Unterricht mit individuellen Zielsetzungen müsste eigentlich die unterschiedlichen Begabungsprofile besser respektieren
  • Die wichtige Frage, wie Zeugnisse künftig aussehen sollen, ist den Kantonen zugespielt worden. Eigentlich müsste ein kompetenzorientierter Lehrplan den Weg zu einer vernünftigen Schülerbeurteilung mindestens in den Grundzügen aufzeigen
  • Das pädagogisch wenig überzeugende Fremdsprachenkonzept mit dem Modell 3/5 erfüllt den Auftrag der Harmonisierung nicht. Die Fremdsprachenfrage ist für die Primarschule keine Nebensache. Beim Wegfall einer Fremdsprache gibt es Gewichtsverschiebungen zwischen den einzelnen Fächern
  • Die fehlende Erprobung mindestens einzelner Bereiche des Lehrplans lässt viele Fragen offen, die vorgängig hätten geklärt werden können. Es ist zu befürchten, dass nach der Einführung des Lehrplans laufend neue Kosten anfallen werden, um gemachte Fehler wieder korrigieren zu können
  • Eine Einordnung des neuen Lehrplans bezüglich seines Stellenwerts für den Schulalltag ist nach wie vor kaum möglich. Ein Deutschschweizer Lehrplan, der in erster Linie Orientierung und Koordination im Bildungswesen bringen soll, dürfte eigentlich keine Grossreform mit aufwändiger Ausbildung der Lehrpersonen auslösen

Hanspeter Amstutz

Gast

Was ist schlecht am Kompetenzbegriff des Lehrplans 21?

Jede Diskussion um mehr oder weniger Kompetenzen greift zu kurz, weil der „Kompetenzbegriff“ im Lehrplan 21 nicht den Kompetenzen entspricht, wie man sie allgemein versteht.

Der dem Lehrplan 21 zugrunde gelegte, reduzierte „Kompetenzbegriff“ wurde von Psychologen erfunden, um Bildung messbar zu machen. Dabei werden alle nicht messbaren Dimensionen von Bildung (Ethik, Humanität, Soziales Verhalten, Werte, Kreativität, Verantwortungsbewusstsein usw.) ausgeblendet. Werden die Schüler nach einem solchen Kompetenzkonzept unterrichtet und benotet, wird das Bildungsverständnis komplett verändert.

Bildung zielt auf Selbständigkeit im Denken auf der Grundlage von Wissen und Können. Die im Lehrplan 21 festgeschriebene Vermittlung von messbaren „Kompetenzen“ hingegen zielt auf vordergründiges Funktionieren, auf Anpassungsbereitschaft an den „globalen Wandel“ beziehungsweise auf das, was bestimmte Kreise dafür halten. Das ist genau das Gegenteil von dem, was eine konkurrenzfähige Wirtschaft braucht, nämlich selbständiges Denken, Grundlagenwissen, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein.

Gast

Die führende Zeitung Deutschlands, die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), berichtete in ihrer Ausgabe vom 16. August 2015 unter dem Titel „Schwäbisches Himmelfahrtskommando“ über eine vernichtende Studie, die von der Universität Tübingen zusammen mit Fachhochschulen erstellt wurde. Die vorliegende Studie, die vom Kultusministerium bisher unter Verschluss gehalten wurde, könnte das Ende für die sogenannte „Gemeinschaftsschule“ und das „selbstgesteuerte Lernen“, wie es auch im LEHRPLAN 21 propagiert wird, bedeuten.

Die Studie, die an der renommierten „Geschwister-Scholl-Gemeinschaftsschule“ durchgeführt wurde, stellt dem politischen Vorzeigeprojekt „Gemeinschaftsschule“ ein vernichtendes Urteil aus. Vor allem das „individualisierende“ Lernen erweise sich als denkbar ineffektiv. Die neue Unterrichtsform des „selbstorganisierten“ Lernens mit Lehrern als „Lernbegleiter“, die „Integration“ oder die „besondere Förderung“ der Schwächsten und Stärksten würden in der Praxis scheitern und brächten nicht die von den Bildungspolitikern versprochenen Resultate. Auch die Leistungsbeurteilung ist mehr als fragwürdig. In den Fremdsprachen kommt das Sprechen zu kurz.

Der akademische Hauptpropagandist der „Gemeinschaftsschule“ in Baden-Württemberg, Thorsten Bohl, findet nun selbst das komplette Scheitern des Konzepts in der Praxis heraus! Jetzt ist auch „empirisch“ gesichert, was auch vorher klar war.

Der LEHRPLAN 21 und die „Gemeinschaftsschule“ verfolgen das gleiche Konzept, dass sich auf den OECD-Policy Brief Nr. 13 von 1996 stützt: Dort wird u.a. zum schrittweisen Absenken der angebotenen Schul- und Bildungsqualität im öffentlichen Bereich geraten. Der Staat habe sich nur um die zu kümmern, die nicht am Markt teilnehmen können (!).

Gast

Die Sonntagszeitung vom 16. August 2015 berichtete ausführlich über den schweizweiten Widerstand gegen den Lehrplan 21. In 13 von 21 Deutschschweizer Kantonen formiere sich Widerstand. Man findet es inakzeptabel, dass der LP 21 ohne Mitsprache und Diskussion durchgedrückt werden soll.
In 6 Deutschschweizer Kantonen sind Initiativen zu seiner Verhinderung am Laufen. SZ und AG haben die Initiative bereits eingereicht.

Hier sind die links - zur Information oder zur Bestellung (und Streuung) von Unterschriftenbögen:
für ZH: http://www.lehrplan-vors-volk.ch/
für AG: http://www.lehrplan21-nein.ch/
für SZ: info@buergerforum-freienbach.ch
für TG: http://www.gute-schule-tg.ch/gute-schule-tg.ch/Willkommen.html
für SG: http://starkevolksschulesg.ch/ (Initiative schon eingereicht)
für SO: http://www.so-ohne-lp21.ch/

Und in BL zielt eine Initiative gar auf den Austritt aus dem Harmos-Konkordat:
http://starke-schule-baselland.ch/Kantonale_Initiativen/Harmos.aspx
Der zentralistische Lehrplan 21 will unser bewährtes Schulsystem auf dem Kopf stellen. Er fordert schweizweit flächendeckend „offene Lernformen“ („selbstorganisiertes“, „individuelles Lernen“), bei denen der Schüler bestimmt, was wie wann und ob er überhaupt lernen will. Deshalb darf der Lehrer keinen Klassenunterricht mehr machen, kein Wissen vermitteln, nicht erziehen und nicht motivieren. Er wird zum Lernbegleiter degradiert, der nur noch Arbeitsblätter und Wochenpläne erarbeitet und "Lernumgebungen" zur Verfügung stellt.

Das steht im völligen Widerspruch zur weltweit grössten Bildungsstudie von John Hattie (Auswertung von 50.000 Studien mit 250 Millionen beteiligter Schüler) über den wichtigsten Einflussfaktor für ein gute Bildung. Das Wirkungsvollste für eine gute Schule und einen guten Lernerfolg ist nach Hattie der vom Lehrer im Dialog mit den Schülern geführte, strukturiert aufgebaute Klassenunterricht, wo alle Schüler gemeinsam lernen. Mit den "offenen Lernformen" werden die Schüler als Einzelkämpfer allein gelassen, die Stofflücken werden immer grösser und die Chancen einen Beruf erlernen zu können, immer kleiner.
Mit dem Lehrplan 21 könnte der Lehrer die Unterrichtsform nicht mehr wählen, die Methodenfreiheit würde praktisch abgeschafft: An einer Schulleitertagung im Kanton Thurgau wurde das amerikanische Überwachungsinstrument „Classroom walkthrough“ vorgestellt, mit dem die Schulleiter sicherstellen können, dass die Lehrer keinen Klassenunterricht mehr machen: Der Schulleiter führt jährlich zehn bis fünfzehn kurze, nicht angekündigte Unterrichtsbesuche durch, ohne anzuklopfen, ohne Begrüssung und ohne Verabschiedung. Auf dem Beobachtungsbogen notiert er u.a., ob der Lehrer „offene Lernformen“ anwendet oder nicht. Und das in der freien Schweiz!

Es ist höchste Zeit, dass das Volk über den Lehrplan abstimmen kann, um diesen gefährlichen Unsinn zu stoppen. Gewerbe und KMUs wären gut beraten, tatkräftig mitzuhelfen, denn sie würden die Leidtragenden sein, wenn sie keine geeigneten Lehrlinge mehr rekrutieren könnten. Im Kanton Zürich braucht es dringend noch Unterschriften für die Volksinitiative gegen den Lehrplan 21: http://www.lehrplan-vors-volk.ch/
(09-08-2015, 06:29 PM)Gast schrieb: [ -> ]Die Sonntagszeitung vom 16. August 2015 berichtete ausführlich über den schweizweiten Widerstand gegen den Lehrplan 21. In 13 von 21 Deutschschweizer Kantonen formiere sich Widerstand. Man findet es inakzeptabel, dass der LP 21 ohne Mitsprache und Diskussion durchgedrückt werden soll.
In 6 Deutschschweizer Kantonen sind Initiativen zu seiner Verhinderung am Laufen. SZ und AG haben die Initiative bereits eingereicht.

Hier sind die links - zur Information oder zur Bestellung (und Streuung) von Unterschriftenbögen:
für ZH: http://www.lehrplan-vors-volk.ch/
für AG: http://www.lehrplan21-nein.ch/
für SZ: info@buergerforum-freienbach.ch
für TG: http://www.gute-schule-tg.ch/gute-schule-tg.ch/Willkommen.html
für SG: http://starkevolksschulesg.ch/ (Initiative schon eingereicht)
für SO: http://www.so-ohne-lp21.ch/

Und in BL zielt eine Initiative gar auf den Austritt aus dem Harmos-Konkordat:
http://starke-schule-baselland.ch/Kantonale_Initiativen/Harmos.aspx

Vielen Dank lieber Gast für dein aktives Mitdenken und deine Hinweise.
Wir werden im Kt. Zürich nächsten Monat (Nov) unsere "Lehrplan - Intitiative" einreichen.
Hannes Geiges
(08-29-2015, 11:45 AM)Gast schrieb: [ -> ]Was ist schlecht am Kompetenzbegriff des Lehrplans 21?

Jede Diskussion um mehr oder weniger Kompetenzen greift zu kurz, weil der „Kompetenzbegriff“ im Lehrplan 21 nicht den Kompetenzen entspricht, wie man sie allgemein versteht.

Der dem Lehrplan 21 zugrunde gelegte, reduzierte „Kompetenzbegriff“ wurde von Psychologen erfunden, um Bildung messbar zu machen. Dabei werden alle nicht messbaren Dimensionen von Bildung (Ethik, Humanität, Soziales Verhalten, Werte, Kreativität, Verantwortungsbewusstsein usw.) ausgeblendet. Werden die Schüler nach einem solchen Kompetenzkonzept unterrichtet und benotet, wird das Bildungsverständnis komplett verändert.

Bildung zielt auf Selbständigkeit im Denken auf der Grundlage von Wissen und Können. Die im Lehrplan 21 festgeschriebene Vermittlung von messbaren „Kompetenzen“ hingegen zielt auf vordergründiges Funktionieren, auf Anpassungsbereitschaft an den „globalen Wandel“ beziehungsweise auf das, was bestimmte Kreise dafür halten. Das ist genau das Gegenteil von dem, was eine konkurrenzfähige Wirtschaft braucht, nämlich selbständiges Denken, Grundlagenwissen, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein.

Ja ich sehe es auch so, dass beim LP21 mehr das vordergründige gute Funktionieren der Schüler und die Messbarkeit festgelegter Kompetenzziele wichtig werden. Ein Gedicht verstehen, die Poesie erleben? Wie will man das messen? Dabei sind es gerade die emotionalen Prozesse, welche Pubertierende bewegen und formen.
Die Vorstellung der Bildungsplaner, in der Pädagogik sei letztlich alles über eine systematische Steuerung bis ins Detail (fast 4000 Kompetenzziele!) zu erreichen, dürfte sich als grosser 
Irrtum erweisen. Aber bis man es merkt, wird noch sehr viel Zeit und Geld investiert werden.

Smile  
Der LP 21 ist Ausdruck eines Zeitalters, das glaubt, mit endloser Informationssammelwut alles in den Griff zu bekommen und steuern zu können. Der Säugling ist von Beginn weg ein Informationslieferant. Und die Schule macht das Spiel frischfröhlich mit, ein staatliches Nachrichtenbeschaffungsinstrument erster Güte. Der moderne Mensch soll in all seinen Facetten geschliffen und vermessen werden. Ich bin ja gespannt, wie man die zahllosen Kompetenzen beurteilen will. Hoffentlich entspricht das Zeugnis wenigstens dem Datenschutzgesetz.
(12-23-2015, 08:17 PM)Säntis schrieb: [ -> ]Der LP 21 ist Ausdruck eines Zeitalters, das glaubt, mit endloser Informationssammelwut alles in den Griff zu bekommen und steuern zu können. Der Säugling ist von Beginn weg ein Informationslieferant. Und die Schule macht das Spiel frischfröhlich mit, ein staatliches Nachrichtenbeschaffungsinstrument erster Güte. Der moderne Mensch soll in all seinen Facetten geschliffen und vermessen werden. Ich bin ja gespannt, wie man die zahllosen Kompetenzen beurteilen will. Hoffentlich entspricht das Zeugnis wenigstens dem Datenschutzgesetz.

Wie die Zeugnisse aussehen werden, steht noch in den Sternen. Wie will man diesen komplizierten Lehrplan im Zeugnis abbilden? Jede Schülerin ist auf einer andern Kompetenzstufe. Und da will man die Leistungen noch schweizweit vergleichen können. Chaos pur.