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  Gedanken zum Lehrplan 21
Geschrieben von: HPA - 08-14-2015, 08:09 PM - Forum: Lehrplan 21 - Antworten (8)

Positive Aspekte:


  • Der Lehrplan ist in einigen Fächern entschlackt worden und enthält eine durchaus vernünftige Anzahl an Kompetenzen (z. B. bei den Naturwissenschaften)
  • Die Forderung nach einer Zusammenfassung der Teilkompetenzen zu Grundkompetenzen wurde erfüllt (die Kompetenzstufen und ihr vorgegebener Aufbau bleiben aber bestehen)
  • Die Inhalte sind explizit wieder aufgewertet worden und werden auch mit verbindlichen Hinweisen in den einzelnen Fächern festgelegt
  • Die Formulierungen der Kompetenzen ist verbessert worden. Allzu abstrakte oder völlig banale Kompetenzbeschreibungen sind weitgehend gestrichen worden
  • Die Rolle der Lehrperson wird vielfältig gesehen. Grundsätzlich wird die Methodenfreiheit unterstrichen und keine Methode besonders hervorgehoben
  • Bei den Grundansprüchen wird darauf hingewiesen, dass diese für einzelne Schüler noch immer zu hoch sein könnten. Eine Lernzielbefreiung in Teilbereichen wird neu akzeptiert (wohl erst nach genauer Abklärung)
  • Im Fach Geschichte sind die Inhalte konkretisiert worden und die methodischen Anregungen für einen guten Geschichtsunterricht liegen näher bei den Vorstellungen der Schüler



Negative Aspekte und offene Fragen:

  • Der Verzicht auf elementare Jahresziele (Grundkompetenzen) in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen wird Auswirkungen auf den Aufbau der entsprechenden Lehrmittel haben. Die Jahresplanung für die Lehrpersonen wird daher schwieriger
  • Die Anzahl der verbindlichen Stufenziele in den Kernfächern ist immer noch sehr hoch. Um elementare Bildung so zu vermitteln, dass die Schüler wesentliche Bildungsinhalte verstehen und anwenden können, bleibt zu wenig Zeit. Dies könnte zur bekannten Hektik des „Durchnehmens“ möglichst vieler Kompetenzen führen
  • Der Lehrplan ist nach wie vor kein benutzerfreundliches Werk. Eine übersichtliche Gliederung zwischen klar verbindlichen Bildungszielen samt Inhalten einerseits und Anregungen für weitere fakultative Bildungsziele anderseits muss man sich in den meisten Fächern zusammensuchen
  • Das Festhalten an einer stringenten Planbarkeit des Kompetenzaufbaus bis ins Detail bleibt eine pädagogische Selbsttäuschung. Die grosse Heterogenität der Klassen machen die Organisation eines wissenschaftlich gesteuerten Aufbaus von Lernprozessen zu einer Herkulesaufgabe für die Lehrerinnen und Lehrer
  • Die formale Einengung der Kompetenzbeschreibungen auf die stets gleichbleibende Einleitung mit dem Verb „können“ gibt dem Lehrplan den Anstrich, in erster Linie einen exakt planbaren Output anpeilen zu wollen. Bildung mit einem erweiterten Horizont müsste einige Grundkompetenzen auch mit Verben wie verstehen, kennen, usw. beschreiben
  • Die Überprüfung von Lernprozessen, bei denen die Schüler auf unterschiedlichen Kompetenzstufen stehen, ist sehr aufwändig und kann in ganz vielen Bereichen nur einzelne Aspekte erfassen. Es ist anzunehmen, dass die Lehrpersonen häufig zentral ausgearbeitete Tests einsetzen werden, um die Schüler leistungsmässig differenziert erfassen zu können (ähnlich wie die Stellwerktests)
  • Für Schüler mit Teilleistungsschwächen bleibt die grosse Anzahl der Kompetenzziele und fehlende Abwahlmöglichkeiten bei einzelnen Fächern trotz der Relativierung der Grundansprüche eine Belastung. Die im Lehrplan enthaltene Forderung nach einem Unterricht mit individuellen Zielsetzungen müsste eigentlich die unterschiedlichen Begabungsprofile besser respektieren
  • Die wichtige Frage, wie Zeugnisse künftig aussehen sollen, ist den Kantonen zugespielt worden. Eigentlich müsste ein kompetenzorientierter Lehrplan den Weg zu einer vernünftigen Schülerbeurteilung mindestens in den Grundzügen aufzeigen
  • Das pädagogisch wenig überzeugende Fremdsprachenkonzept mit dem Modell 3/5 erfüllt den Auftrag der Harmonisierung nicht. Die Fremdsprachenfrage ist für die Primarschule keine Nebensache. Beim Wegfall einer Fremdsprache gibt es Gewichtsverschiebungen zwischen den einzelnen Fächern
  • Die fehlende Erprobung mindestens einzelner Bereiche des Lehrplans lässt viele Fragen offen, die vorgängig hätten geklärt werden können. Es ist zu befürchten, dass nach der Einführung des Lehrplans laufend neue Kosten anfallen werden, um gemachte Fehler wieder korrigieren zu können
  • Eine Einordnung des neuen Lehrplans bezüglich seines Stellenwerts für den Schulalltag ist nach wie vor kaum möglich. Ein Deutschschweizer Lehrplan, der in erster Linie Orientierung und Koordination im Bildungswesen bringen soll, dürfte eigentlich keine Grossreform mit aufwändiger Ausbildung der Lehrpersonen auslösen

Hanspeter Amstutz

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  Sprachenstreit als Kulturkampf um den Grundauftrag der Primarschule
Geschrieben von: HPA - 08-05-2015, 07:06 AM - Forum: Sprachen in der Primarschule - Antworten (2)

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Das frühe Lernen von zwei Fremdsprachen mit nur zwei Wochenstunden pro Sprache ist ineffizient und führt zu einem Abbau bei andern wesentlichen Fächern. Herrschte bei den Bildungsplanern vor zehn Jahren noch Fremdspracheneuporie, so ist heute fast in allen Kantonen heftige Opposition gegen ein überfrachtetes Sprachenprogramm entstanden. Volksinitiativen mit dem Ziel, neben Hochdeutsch sei nur eine Fremdsprache in der Primarschule zu unterrichten, sollen Abhilfe schaffen.

Die treibenden Kräfte für ein besseres Sprachenkonzept sind Lehrerinnen und Lehrer der Mittelstufe. Mit Nachdruck stellen sie die Frage, ob die Primarschule nicht noch ganz andere Aufgaben habe, als allen Kindern möglichst früh drei Sprachen zu vermitteln. Kaum die Hälfte der Schüler schafft es, in beiden Fremdsprachen auf einen grünen Zweig zu kommen. Dafür weisen zu viele Schüler elementare Defizite im arg vernachlässigten Realienbereich und im Deutsch auf. Die von den grossen Zürcher Lehrerverbänden unterstützte kantonale Fremdspracheninitiative ist ein Ausdruck dieses Ringens um eine kinderfreundlichere Bildungskultur.

Die Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK) aber mauert. Unterstützt von besorgten Bildungspolitikern aus der Romandie, will man unter allen Umständen am frühen Einstieg in zwei Fremdsprachen festhalten. Politisch steht die EDK vor einem Dilemma. An dem in weiten Kreisen beliebteren Englisch soll nicht gerüttelt werden. Und Französisch als Landessprache muss seinen Stellenwert behalten, indem es spätestens ab der fünften Klasse eingeführt wird. Der Frage der Effizienz des frühen Sprachenlernens und der belastenden Nebenwirkungen hingegen weicht man bei der EDK systematisch aus.

Statt das Harmos-Konkordat im Bereich der Sprachen der Realität anzupassen, wird in einzelnen Kantonen versucht, die Volksinitiativen juristisch auszuhebeln. Dies dürfte bei der klug formulierten Zürcher Initiative aber kaum gelingen. Es ist absurd, wenn die im Grundsatz richtige Idee der Bildungsharmonisierung als Bollwerk gegen vernünftige pädagogische Erkenntnisse verwendet wird und viele Kinder so die Freude am Sprachenlernen verlieren.

Mit brüskierenden Gerichtsentscheiden und der Dialogverweigerung der EDK mit den kantonalen Verbänden kommen wir nicht weiter. Die EDK hätte die Chance gehabt, mit dem neuen Lehrplan ein Sprachenkonzept mit besserer Staffelung zu schaffen. Doch man war nicht bereit, das umfangreiche Bildungsprogramm auf ein für die meisten Schüler verkraftbares Mass zu reduzieren. Es rächt sich jetzt, dass eine offene Diskussion um den Grundauftrag der Primarschule nie stattgefunden hat. Der Preis für diese bewusste Unterlassung ist ein überladenes Bildungsmenu, das als Ganzes nicht mehr richtig schmeckt.

Mit einem bildungspolitischen Flickwerk auf Kosten der Kinder wird unsere Volkschule erheblich an Qualität einbüssen. Wenn die Politik nicht selber aus der Sackgasse herausfindet, ist es Zeit, dass in der Sprachenfrage das Volk das letzte Wort hat.


Fehraltorf, 13. Juli 2015 Hanspeter Amstutz

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