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Warum es die Schule "richten" muss - Schulpfleger - 06-03-2020

Die Schule darf ihren Erziehungsauftrag nicht vernachlässigen

Wenn heute Rufe von Lehrern und Bildungspolitikern laut werden, die Schule könne es nicht mehr „richten“, wenn die Erziehung im Elternhaus ungenügend sei, zeigt, dass der Geist Pestalozzis in der Volksschule nicht mehr lebt.


Bei Pestalozzi steht – wie bei John Hattie – der Lehrer im Mittelpunkt und die Schule auf den drei Beinen Kopf, Herz und Hand oder Wissensvermittlung, Erziehung zum Mitmenschen und Praxisorientierung. Erziehung in Schule und Elternhaus gehen dabei Hand in Hand („Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“). Was ist in der 30jährigen Reformära geschehen, dass die Volksschule heute kaum mehr in der Lage ist, ihren erzieherischen Auftrag (Zürcher Volksschulgesetz, Art. 2: „Die Volksschule erzieht zu einem Verhalten, das sich an christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen orientiert“) wahrzunehmen und die Chancenungleichheit immer grösser wird? Dabei wurde die Pädagogik anfangs 20. Jahrhundert um die Tiefenpsychologie bereichert, die es ermöglicht, dass man nicht mehr zum Erzieher „geboren“ werden muss, sondern dass man angewandte Erziehung auf wissenschaftlicher Grundlage lernen kann.

„Das Problem der Erziehung, wie es Eltern und Lehrer auf ihrem Wege vorfinden, ist eines der schwierigsten“. (Alfred Adler, 1904). Daran hat sich in den mehr als hundert Jahren, seit Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, diesen Satz prägte, nichts geändert. Mütter und Väter stehen einer Lebensaufgabe gegenüber, die eine der verantwortungsvollsten, komplexesten und anspruchsvollsten ist, wenn nicht sogar die anspruchsvollste überhaupt, nämlich die Herausforderung, dem „ungelernten Beruf“ Vater oder Mutter gerecht zu werden. Zugleich jedoch ist es die Aufgabe, für die es keine Ausbildung gibt – „Mutter“ und „Vater“ ist ein ungelernter „Beruf“. Die Erfahrungen der Eltern aus ihrer eigenen Kindheit, in der sie erzogen wurden, sind oft wenig hilfreich. Hier wäre eine breite Elternschulung nötig.

Wenn es die Eltern nicht “richten” können, bleibt jedoch nur noch die Schule. Wer sonst? Das ist ein altes Postulat, dass schon Heinrich Pestalozzi in seinen Büchern gefordert hat (Warum hört man nichts mehr über ihn?). Damit die Schule das schaffen kann, müssen die Lehrer zu Erziehern ausgebildet werden, wie das schon bei der Schulreform im Roten Wien in grossen Massstab organisiert wurde (Erziehungsberatungsstellen für Eltern und Lehrer). Die Aufgabe der Schule ist nicht nur die Vermittlung von Wissen sondern auch – wo nötig – die ergänzende Erziehung, weil jedes Kind ein Anrecht darauf hat. Die Lehrer müssen das mit den Politikern zusammen angehen und sie haben dabei die Führung zu übernehmen, weil sie die Fachleute sind. So wie sie es bei der Gründung der Volksschulen in den Schweizer Kantonen vorbildlich gemacht haben.

Warum stürzen die kompetenzorientierten OECD-Länder immer weiter bei PISA ab, während die asiatischen Länder mit dem traditionellen Klassenunterricht und der hohen Wertschätzung von Lernen und Lehrern die Siegerplätze belegen? Während bei uns reformfreudige Schulen von neoliberalen Stiftungen finanzierte Preise erhalten, verleiht die Universität Hiroshima jährlich den Pestalozzi-Preis an Schullehrer, die im Sinne Pestalozzis wirken, wie der mit dem Film „Children Full of Life“ weltweit bekannt gewordene japanische Lehrer Toshirō Kanamori.