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„Lehrplan 21“, ein Experiment mit kaum bekannten Sachzwängen
#1
Der von der D-EDK in den „Grundlagen“ zum Lehrplan 21 propagierte „selbstgesteuerte“, „konstruktive“, „individualisierende“ Prozess („offene Lernformen“), wird von Schulreformern als Paradigmawechsel bezeichnet: Das konstruktivistische Unterrichtsverständnis (Reformsprech: „Unterricht ohne zu unterrichten“) ist nicht etwa nur eine neue „Lehre vom Lehren“, sie ist ein Paradigmenwechsel („Die Schule neu erfinden“), der den gesamten bisherigen Lernprozess umkrempelt. Nach dieser Doktrin könne Wissen nicht vom Lehrer an die Schüler weitergegeben werden, sondern die Kinder würden es sich nur selbst beibringen können.

Tatsächlich würde unsere Volksschule auf den Kopf gestellt: Dieser Paradigmenwechsel ist einschneidend und verändert den Unterricht grundlegend bzw. er wird abgeschafft. Der Lehrer darf nicht mehr in einem kreativen, motivierenden Klassenunterricht den Schülern Wissen gemeinsam beibringen, sondern jeder Schüler bestimmt selber, was wie wann und ob er lernen will (die Unterrichtsverantwortung geht vom Lehrer an den Schüler über). Der Lehrer wird zum „Lernbegleiter“, der nicht unterrichten, nicht erklären, motivieren und erziehen (Peter Fratton) darf, sondern nur noch z.B. wöchentlich einen „Input“ zum Thema (Wochenplan) geben sowie, Arbeitsblätter und „Lernumgebungen“ bereitstellen soll.

Der Totalumbau der Volksschule gemäss den „Grundlagen“ zum Lehrplan 21 würde zu einer ganzen Reihe von Sachzwängen führen. Würde in der Unterstufe damit begonnen, wären alle nachfolgenden Stufen gezwungen, auch auf „selbstgesteuert“ umzustellen. „Selbstorganisiertes Lernen“ kann praktisch nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Das selbstorganisierte Lernen verunmöglicht den gemeinsamen, sozialen Klassenunterricht (ausser für Projekte), weil jeder Schüler mit einem andern Tempo unterwegs ist, einen anderen Lernstand hat und dadurch Leistungsschere und Stofflücken immer mehr progressiv auseinanderklaffen. Die Gelegenheiten, um sozialen Kompetenzen zu erlernen, werden wegen der fehlenden Sozialform des Klassenunterrichts stark eingeschränkt, wobei sich das Konkurrenzsystem zusätzlich negativ auswirkt.

Der grösste Wirkungsfaktor für eine gute Schule und einen guten Lernerfolg, den die weltweite Metastudie (Auswertung von 50.000 Studien mit 250 Millionen beteiligter Schüler) von John Hattie beim dem vom Lehrer im Dialog mit den Schülern geführten, strukturiert aufgebauten Klassenunterricht ortet, würde völlig ausgeschaltet. Damit würde „gute Schule“ verhindert und Generationen von Schülern eine gute Schulbildung vorbehalten.

Die bisherige bewährte und effiziente Notengebung (Leistungsvergleiche) wäre nicht mehr möglich, da sie auf der Klassennorm, gleichem Lernstand und gemeinsamen Prüfungen im Klassenverband beruht. Als Ersatz hat die D-EDK den Lernplan 21 nach dem Kompetenzsystem der Wirtschaftsorganisation OECD (Output/Profit-Orientierung) als Monster mit tausenden von Teilkompetenzen erstellen lassen.

Der im Lehrplan 21 verwendete „Kompetenzbegriff“ entspricht nicht mehr dem traditionellen Begriffspaar „Wissen und Können“ und ist auf das Messbare beschränkt. Die konstruktivistische Ideologie ist der erste Schritt in eine „kompetenzorientierte Lernkultur“. Der Paradigmenwechsel von der Wissensvermittlung mit Lernzielen zum „selbstorganisierten“ Lernen mit Kompetenzmessung („Output“orientierung) wurde mit dem PISA-Ranking der neoliberalen Wirtschaftsorganisation OECD eingeleitet. Nicht messbare Kompetenzen wie Verantwortung, Sozialverhalten, Disziplin, Kreativität, Musisches und Handwerklich-Künstlerisches sind nicht mehr gefragt.

Der bisherige Regelstandard der klassischen Lehrpläne als für alle Schüler zu erreichendes Leistungsziel, wird im Lehrplan 21 auf einen anzustrebenden Minimalstandard nach unten nivelliert, damit wird ein Qualitätsverlust bei der Volksschule  eingeplant.

Der gegenseitige Austausch/Dialog des gemeinsamen Lernens am gemeinsamen Thema entfällt und damit kann der Lehrer ein Thema nicht mehr gemeinsam einführen, weil jeder Schüler einen anderen Lernstand hat. Der Schüler muss sich das Thema nun selber erarbeiten. Der Lehrer kann sich dem einzelnen Schüler (bei 20 Schülern) pro Lektion nur noch im Durchschnitt 2 Minuten widmen. Es gibt bereits Versuchsschulen, wo sich der Schüler voranmelden muss, wenn er mit dem Lehrer etwas besprechen möchte.

Das „selbstorganisierte“ Lernen macht den Schüler zum alleingelassenen Einzelkämpfer, der im Grossraum-Klassenzimmer abgekapselt hinter Sichtblenden und/oder mit Pamir-Gehörschutz Arbeitsblätter bearbeitet. Statt Zusammenarbeit und Kooperation beginnt der Geist des Konkurrenzskampfs die Schule zu beherrschen, womöglich gefördert von bemühten Eltern.
Bereits ab der ersten Primarklasse würde wegen der progressiven Leistungsschere eine „stille  Selektion“, stattfinden. Schwächere und mittlere Kinder werden nicht mehr mitgenommen, bleiben wegen den grösser werdenden Lücken gegen Schulende immer mehr zurück und ihre Berufschancen würden sich zusehends verringern.

Mit dem „selbstorganisierten“ Lernen wird der Zusammenhalt der Jahrgangsklasse, zusätzlich gefördert durch die Abschaffung der Jahrgangsziele (neu: Zyklen) aufgelöst oder sie werden mit durch die Einführung des altersgemischten Lernens (AdL) vorsätzlich zum Verschwinden gebracht.
Lehrerausbildung, Lehrmittel und Schulversuche werden bereits seit längerer Zeit auf den umstrittenen Lehrplan 21 ausgerichtet, obschon der Lehrplan 21 schweizweit auf immer mehr Widerstand stösst und vom Volk noch abgelehnt werden kann. Damit werden gefährliche Sachzwänge für ein umstrittenes Experiment mit ungewissem Ausgang auf dem Buckel von Kindern und Junglehrern geschaffen, mit immensen Kosten für den Steuerzahler.

Die den „Grundlagen“ zum Lehrplan 21 inhärenten Sachzwänge verunmöglichen, dass der Lehrer die Unterrichtsform noch wählen kann, die Methodenfreiheit würde praktisch abgeschafft: An einer Schulleitertagung im Kanton Thurgau wurde das amerikanische Überwachungsinstrument „Classroom walkthrough“ vorgestellt, mit dem die Schulleiter sicherstellen können, dass die Lehrer keinen Klassenunterricht mehr machen: Der Schulleiter führt jährlich zehn bis fünfzehn kurze, nicht angekündigte Unterrichtsbesuche durch, ohne anzuklopfen, ohne Begrüssung und ohne Verabschiedung. Auf dem Beobachtungsbogen notiert er u.a., ob der Lehrer „offene Lernformen“ anwendet oder nicht. Damit wird dem Lehrplan 21 jeglicher Fachlichkeit beraubt.
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„Lehrplan 21“, ein Experiment mit kaum bekannten Sachzwängen - Schulpfleger - 11-08-2015, 01:25 PM

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