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Beitrag von Frau Dr. Huber "Zwei Fremdsprachen für die Primarschule?"
#1
Information 
Zwei Fremdsprachen für die Primarschule?
Einige Gesprächsnotizen, Erfahrungen und Gedanken

Mit der lancierten kantonal-zürcherischen Initiative "Mehr Qualität - eine Fremdsprache an der Primarschule" wird ein akutes Problem im Zusammenhang mit den unzähligen propagierten Reformen unserer Volksschule angesprochen. Als Grossmutter zwei- bis dreisprachiger Enkel und langjährige Auslandschweizerin mit direkter Erfahrung (USA) als Mutter fremdsprachiger, schulpflichtiger Kinder, kam ich persönlich mit den Problemen des Sprachenlernens in Berührung. Eine Diskussion mit meiner seit einigen Jahren in der Schweiz ansässigen, portugiesisch-stämmigen Hilfskraft mit einem Kind im zweiten Kindergartenjahr, liess mich aufhorchen. Woher stammt eigentlich die Erfahrung all unserer Schultheoretiker und Politiker, die meist immer am gleichen Ort sitzengeblieben sind, um ihre Karrierechancen nicht zu gefährden, sich aber heute fachmännisch und befehlshaberisch über die Entwicklung unseres schweizerischen Bildungswesen äussern und vor allem über dessen neue Formen entscheiden wollen?

Die Diskussion mit meiner Portugiesin war ein Augenöffner, mit was für Fragen und Problemen sich tausende unserer Immigrantenfamilien herumschlagen müssen. Die betreffende Mutter lernt Deutsch seit ihrer Ankunft in der Schweiz, vorwiegend in selbst-finanzierten Kursen, sie ist ja nicht Asylantin, da wird nichts bezahlt von den Sozialämtern. Die Erfolge dieser Kurse sind (das wurde auch von unserer französisch sprechenden Schwiegertochter schon vor Jahren beanstandet) sehr mangelhaft. Es hat zuviele Teilnehmer, denen alles bezahlt wird und wo das Interesse am Lernen nicht gross ist. Diese verzögern das Lerntempo und stören oft im Unterricht. Frau M. macht sich Sorgen, wie soll ihr Kind in der Schule das Hochdeutsch lernen? Sie fühlt sich nicht kompetent genug, um ihm zu helfen und vor allem scheinen beide verwirrt zu sein, was ist Dialekt und wird im Umfeld gesprochen und was ist die Schriftsprache, die aber eben in der Schule dann auch gesprochen wird. Was heute bei allen Diskussionen vergessen geht, Schweizer Dialekt und Schrifthochdeutsch haben nicht nur ein verschiedenes Vokabular, sondern auch eine verschiedene Grammatik. Zur Illustration ein Beispiel: "Wo's agfange het rägne, simmer hei gschprunge." - "Als es zu regnen anfing, rannten wir nach Hause". Für Zuzüger sind dies zwei verschiedene Fremdsprachen. Zuhause möchte die Familie aus verschiedenen Gründen Portugiesisch als Sprache beibehalten. Das Kind muss also bereits zu Beginn der Schulzeit unter nicht sehr günstigen Bedingungen neben seiner Muttersprache zwei Fremdsprachen erlernen.

Deutsch ist keine einfache Sprache, dh. man muss, um eine sichere Grundlage zu bilden, einen recht intensiven Sprachunterricht betreiben. Leider wird dies mit dem neuen Lehrplan21 nicht gewährleistet. Nun fordert man laut Harmos zusätzlich in den ersten paar Schuljahren die Einführung von zwei weiteren Fremdsprachen, meist Französisch und Englisch. Für sprachlich nicht aussergewöhnlich begabte Kinder eine unerhörte Belastung. Wie die Träger der Initiative in ihrem Argumentarium auch richtig feststellen, sind die Anzahl der Stunden für diesen Fremdsprachenunterricht viel zu knapp bemessen, um ein vernünftiges Lernziel zu erreichen.

Bei unsern mehrsprachigen Enkeln wirkte die von den Schulen propagierte Methode verheerend, man solle die korrekte Orthographie zu Beginn des schriftlichen Sprachunterrichts vergessen, die Kinder sollen kreativ nach ihrem Gehör schreiben lernen. Die Rechtschreibung muss dann auf der Mittelstufe neu erlernt werden, was wohl vielen Eltern nicht bewusst ist. Wenn man nicht auf eine sehr korrekte, wohl artikulierte Aussprache drängt, was ganz klar nicht geschehen ist, gewöhnen sich auch begabte Kinder an eine stark von Fehlern geprägte Orthographie. Eine vorher tolerierte Schludrigkeit ist oft schwierig rückgängig zu machen und wirkt sich auch auf die andern Sprachen aus. Einer unserer Enkel überlebte die gymnasiale Probezeit nicht. Im mündlichen Unterricht, Französisch und Englisch, sei er natürlich weit überlegen, aber es würde eben nur das Schriftliche beurteilt und da mache er zuviele orthographische Fehler. Der Kommentar des Schülers, er würde ein solches Schul-Französisch, wie es dort unterrichtet wurde, ohnehin nie anwenden.

Sein jüngerer Bruder stolperte gleich an der Prüfung wegen zu vieler Fehler im Deutsch-Aufsatz. Dies war ein Kind, das sehr viel las und das wir eigentlich eher als sprachorientiert einstufen. Hätte man bei ihm von Beginn an auf korrekte Grammatik und Orthographie gedrängt, wäre er wohl im Gymnasium ohne Schwierigkeiten durchgekommen. Es wird aber den Eltern eingetrichtert, dass sie bitte Schreibfehler der Kinder nicht beanstanden sollen. Vor allem verunsicherte Eltern ausländischer Herkunft glauben dann, dass sie solche Anordnungen einhalten müssen. Solche Lernmethoden sind für einen effizienten Sprachunterricht nicht sehr fördernd.

Im Lehrplan21 wird ein wunderbares Bildungsziel für den Sprachunterricht vorgestellt. Leider existiert es nur auf dem Papier, die notwendige Zeit zur Umsetzung ist nicht vorhanden. Schon gar nicht für Kinder, die erst sämtliche Schul-Sprachen neu erlernen müssen. Was für ein Ziel will man eigentlich erreichen beim Englisch- und Französisch Unterricht in der Primarschule? Eine Produktion schlecht ausgebildeter Übersetzer, oder dass die Schüler sich im täglichen Leben in diesen Sprachen verständigen und imstande sind eine englische oder französische Zeitung zu lesen, einen fehlerfreien Brief zu schreiben? Glauben die Propagisten des frühen Fremdsprachen-Unterrichts wirklich, dass auf Vorrat gelernte Sprachen immer sofort wieder aktiviert werden können? Ein nicht gebrauchter Wortschatz geht verloren. Alle diejenigen, die unser historisch gewachsenes Wissen, als altmodisch und zum Vergessen verdammt, verneinen, sollten sich vielleicht überlegen, wie es bei den Fremdsprachen steht. Um konsequent bei Konstruktivismus und Kompetenzen, den Grundlagen des Lehrplan21, zu bleiben, müsste man doch den Kindern beibringen, wie man eine neue Sprache selbständig in kurzer Zeit erlernen kann. Also linguistische Kenntnisse vermitteln. Diese Diskussion wurde in den USA in den sechziger Jahren bereits geführt und darauf hingewiesen, dass dazu sehr gute Kenntnisse der eigenen Muttersprache und irgend einer Fremdsprache zur Kontrastierung als Voraussetzung benötigt werden. Ein solches Bildungsziel ist natürlich auf einer Volksschulstufe nicht möglich, da beisst sich der Hund in den eigenen Schwanz. Das Ziel, weniger Fremdsprachen dafür die erforderliche Basissprache (Deutsch) und eine richtig, ist somit angezeigt. Ein früher Unterricht in Englisch und Französisch auf Vorrat bringt nichts als eine unzumutbare Belastung der Kinder.

Vor über vierzig Jahren hatte man als neuestes Früh-Französich im Lehrplan der Primar-Schulen in Princeton NJ. eingeführt. In den USA werden solche Experimente durchgeführt und nach ein paar Jahren wird Bilanz gezogen. Unsere Söhne erlebten das Endstadium dieses Experimentes, das ganz klar keine nennenswerten positiven Resultate gezeitigt hatte und nach drei Jahren abgebrochen wurde, sehr zur Erleichterung aller Beteiligten. Das Einzige, was bewiesen ist, Kinder sind imstande akzentfrei andere Sprachen zu lernen. Bereits ab dem Teenager-Alter verlieren sie diese Fähigkeit und die Herkunft, dh. der Akzent der Muttersprache schlägt durch. Das ist eigentlich der einzige Grund zugunsten einer frühen Einführung. Aber die Fähigkeit der Tongestaltung und der Sprechtechnik könnte zB. über die Musik (Gesangunterricht) wohl ebensogut gefördert werden. Wenn wie heute angestrebt, Lehrer mit einem schweizerischen Akzent die Sprache unterrichten sollen, erreicht man in dieser Beziehung gar nichts.

Als Auslandschweizer ist man konfrontiert mit dem Dilemma, was spricht man als Schweizer mit seinen Kindern im Ausland? Hochdeutsch, um eine weiter verbreitete Sprache zu vermitteln, Schweizerdeutsch, um die Verbundenheit zum Herkunftsland zu erhalten, oder gleicht man sich der Umgebung an mit dem Resultat, dass die Kinder sich rascher einleben, aber dafür ewig mit ihrem schweizerischen Akzent im Englischen daherkommen? Wir einigten uns als Eltern auf striktes Schweizerdeutsch. Unser Akzent im Englischen, den wir nie wegbekamen, ärgerte uns genügend. Das Hochdeutsch der Kinder hielten wir mit Briefen oder Erlebnis-Beschreibungen für die Grosseltern aufrecht.

Dieses Dilemma müssen hier auch alle unsere Immigranten irgendwie lösen. Ist die zusätzliche Belastung mit zwei weiteren Fremdsprachen wirklich erstrebenswert? Sollten wir nicht die dafür verordneten Stunden für gründliche, strukturierte und wohl-fundierte Deutschkenntnisse verwenden? Dies zum Wohle aller Schüler?

Man verkauft uns heute für unsere "modernen" Schulen der Zukunft selbst-orientiertes Lernen und individuelle Betreuung. Weshalb müssen dann alle Kinder ums der Teufel Englisch und Französisch lernen und kann man diesen unseligen Sprachenstreit nicht in der Form von Wahlfächern lösen, wobei Schüler für den Übertritt in eine bestimmte Oberstufe mindestens eine Fremdsprache vorweisen müssen? Sprachlabors und Computer-gestütztes Lernen lassen sich gerade auf diesem Gebiet vielfältig verwenden.

Effi Huber-Buser, Dr. sc. nat.
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#2
Was man offenbar in den USA und andern Ländern längst begriffen hat, wird bei uns kaum zur Kenntnis genommen: Wer die Muttersprache einigermassen beherrscht und gute Kenntnisse in einer ersten Fremdsprache aufweist, schafft es nachher viel besser weitere Sprachen zu lernen. Nein, bei uns werden die Kinder in kürzester Zeit mit drei Sprachen Sprachen konfrontiert, nämlich dem anspruchsvollen Deutsch, dem Englisch und schliesslich noch Französisch. Auf diese Weise wird es schwierig, bereits die erste Sprache (Deutsch) mit der nötigen Sorgfalt zu vermitteln. Das rächt sich in manchcher Hinsicht, wenn ein grosser Teil der Schüler sprachlich verunsichert ins Berufsleben übertritt.

Und noch etwas: Bei uns scheint es besonders schwierig zu sein, ein offensichtlich gescheitertes Sprachenkonzept als Flop zu bezeichnen und es durch ein besseres Modell zu ersetzen. Aber die Politik mischt sich dermassen in die Pädagogik ein, dass kindgerechtes Lernen unter die Räder kommt.
Aber gewisse Bildungspolitiker in Bern scheint das nicht zu kümmern. Hauptsache, man steht als fortschrittlicher Wegbereiter der Vielsprachigkeit da.
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