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Was steckt hinter dem „Aufstand der Lehrer“?
#1
(zum Artikel "Aufstand der Lehrer", Sonntagszeitung vom 26. März 2017)

Ende der 1990er Jahre begann die lange Leidensgeschichte der Lehrer und der demokratischen Volksschule, als der Wirtschaftswissenschaftler, NPM-Stratege und Erziehungsdirektor des Kantons Zürich die Vermarktwirtschaftlichung der Volkschule zu einem profitorientierten Dienstleistungsbetrieb einleitete. Als erste Schritte wurden Manager (Schulleiter) und Frühenglisch eingeführt, Pädagogik und Lehrfreiheit aus den Schulzimmern verdrängt, Lehrer wurden zu Mitarbeitern und Schüler zu Klienten. Gleichzeitig führte die Kunst- und Sportschule Zürich mit dem „Wochenplan“ erstmals das „selbstgesteuerte Lernen“ ein, mit der Vision dereinst die Lehrer durch Computer ersetzen zu können.

Ab 2006 legte ein sechsköpfiges Projektteam mit dem Chefreformer der Lehrerdachorganisation LCH im Auftrag der D-EDK in den „Grundlagen für den Lehrplan 21“ die „Kompetenzorientierung nach Weinert/OECD“ mit dem „selbstgesteuertem Lernen“ fest. https://www.lehrplan.ch/sites/default/files/Schlussbericht%20Projekt%20Lehrplan%2021_2015-06-18.pdf Seite 7 (abgerufen 29.3.2017)


„Mit den Kompetenzen sinkt das Bildungsniveau, die Auseinandersetzung mit Fachinhalten wird zweitrangig“. Prof. Jochen Krautz, NZZ vom 14.7.2014

Erste Schritte Richtung „selbstgesteuertes Lernen“ bildeten die Abschaffung der Kleinklassen, die Totalintegration und die altersgemischten Schulen. Damit wurde bewusst eine Heterogenität geschaffen, die in vielen Schulzimmern den Klassenunterricht verunmöglichten und die von oben propagierte Individualisierung für viele Lehrer unausweichlich wurde.

Die Folgen dieses radikalen Umbaus der bewährten Volksschule zeigten sich erstmals bei Pisa 2012, als die Schweiz in allen Fächern abstürzte, was mit Pisa 2015 noch schlimmer wurde. 2016 ebnet der LCH mit dem Leitfaden „Externe Bildungsfinanzierung“ den globalen Bildungskonzernen den Weg ins Klassenzimmer. Die Kantone bereiten sich auf die Einführung des Lehrplans 21 vor, der mit der OECD-Kompetenzorientierung auf der Unterrichtsebene das „selbstgesteuerte Lernen“ bringt. Um dafür die Voraussetzungen zu schaffen, werden die Schulen unter dem Schlagwort „Digitalisierung“ mit teuren Tablets und Computern ausgerüstet und neue, stoffarme Lehrmittel als „Selbstlernmittel“ Lehrplan 21-kompatibel gemacht. Klassenunterricht wird so verunmöglicht, der Lehrer aus dem Lernprozess gedrängt und zum „Lernbegleiter“ degradiert. Gleichzeitig sollen die Lehrer mit dem neuen Berufsauftrag den übrigen Staatsangestellten „gleichgestellt“ werden.

Die OECD Länder, die die OECD-Kompetenzorientierung eingeführt haben, stürzen auch bei Pisa 2015 immer weiter ab. Solche Länder wie Grossbritannien und Schweden haben die Volksschule bereits zu einem grossen Teil mit sogenannt „Freien Schulen“ privatisiert, bei denen der Staat (Steuerzahler) die Finanzierung übernimmt, während die privaten Betreiber die Lehrerlöhne drücken und grosszügige Dividenden ausschütten, was sich allerdings auf die Schulqualität verheerend auswirkt.



„Es kann gut sein, dass der Lehrplan 21 damit der Privatisierung der Schweizer Schulen Vorschub leistet, weil er es internationalen Anbietern ermöglicht diese Dienstleistung zu übernehmen“. Jürg Brühlmann, Leiter der pädagogischen Arbeitsstelle beim LCH, Beobachter vom 20.2.2015


70% von 1200 Aargauer Lehrern lehnen in einer Umfrage das „selbstgesteuerte Lernen“ - den zentralen Punkt bei der Lehrplan 21-Reform - klar ab. Seit 2014 laufen den Schulen die Lehrer davon, nach fünf Jahren ist die Hälfte der Junglehrer weg. Lehrer verlassen das sinkende (Pisa 2012 und 2015) Volksschulschiff, wechseln auf private Dampfer oder setzen sie selber in Gang. Lehrerverbände lassen ihre Lehrer im Stich und wollen die Lehrerabgänge mit der Aufnahme von Schulsozialarbeiter, Sozialpädagogen oder Schulpsychiater kaschieren. Der Lehrerverband im Kanton Bern hat das Wort „Lehrer“ bereits aus dem Verbandsnamen gestrichen!


In vielen Kantonen sind Volksinitiativen hängig, um die bewährte Volksschule zur retten, die den bisherigen wirtschaftlichen Erfolg unsere ressourcenarmen Landes garantierte.
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