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Fremdsprachen lieber spät und intensiv, als lange, halbbatzig und viel teurer
#1
Die am 21. Mai im Kanton Zürich zur Abstimmung kommende Volksinitiative «Mehr Qualität – eine Fremdsprache in der Primarschule» der Zürcher Lehrerverbände will, dass es in der Volksschule weiterhin zwei Fremdsprachen geben soll, eine davon ab Primarstufe und die zweite (wieder) ab Oberstufe. Der Lernzuwachs bei Fremdsprachen ist auf der Oberstufe überdurchschnittlich gross und effizienter, weil die Schüler erst ab diesem Alter analytisch lernen können. In Lehrer- und Elternkreisen ist schon lange bekannt, dass schwächere Schüler mit den Frühfremdsprachen überfordert sind und deshalb nicht mehr richtig Deutsch lernen. Unternehmer betonen zwar die Wichtigkeit der globalen Fremdsprache, erachten aber die teils unbefriedigende Kompetenz in der Erstsprache als grösseres Problem.

Schon die Zürcher Langzeitstudie von 2014 zeigte, dass Fremdsprachenunterricht in der Primarschule mit rund zwei Wochenlektionen pro Sprache wenig bringt. Oberstufenschüler lernen in einem halben Jahr gleich viel. Einen Langzeiteffekt von Frühenglisch gibt es nicht. In der Zentralschweizer Studie der Universität und Pädagogischen Hochschule Freiburg von 2016 verfehlten bei zwei Fremdsprachen an der Primarschule zwischen 50 und 75 Prozent der Schüler die Französisch-Lernziele am Ende der 6. Klasse.

Auch die jüngste Studie des Instituts für Bildungsevaluation der Uni Zürich von Ende 2016 beweist, dass Frühfremdsprachen viel kosten, aber wenig bringen. Im Aargau wird Englisch ab der 3. Primarklasse als erste Fremdsprache unterrichtet. Solothurner Schüler hatten zum Zeitpunkt der Untersuchung erst ab der 7. Klasse Englisch. Wer danach weiter zur Schule ging, holte den Unterschied von 4 Jahren Frühenglisch nach maximal einem Jahr auf.

Seit es auf der Primarstufe zwei Frühfremdsprachen gibt, fristet der Deutschunterricht ein Aschenbrödeldasein. Dabei ist das Beherrschen der Erstsprache Deutsch (für die vielen Migrantenkinder ist es bereits eine Zweitsprache, wenn man von der Mundart absieht) die Voraussetzung nicht nur für einen Erfolg beim Erlernen jeder Fremdsprache sondern auch für alle anderen Fächer. Die MINT-Fächer sind betroffen, weil mathematisch-technische Aufgabestellungen ohne gutes Deutsch nicht verstanden werden können. Mit dem Lehrplan 21 würde die Sprachenkompetenz noch schlechter, weil Deutsch und Fremdsprachen wegen der „Kompetenzorientierung“ nur noch „selbstgesteuert“ im Monolog mit Computer und Tablet gelernt werden sollen.

Die Deutschkenntnisse der Schweizer Schüler stürzten bereits bei Pisa 2012 ab. Pisa 2015 war noch schlimmer: bereits 20% der 15jährigen in der Schweiz haben ungenügende Grundkenntnisse in Deutsch und Lesen. Sie sind für den Arbeitsmarkt kaum mehr vermittelbar und können der IV zur Last fallen. Die Verschiebung einer Frühfremdsprache auf die Oberstufe bringt nicht nur bessere Sprachqualität und auch langfristig viel weniger Kosten, sondern macht Ressourcen auf der Primarstufe frei, um die mangelhaften Deutschkenntnisse wieder zu verbessern.

Für die Fremdspracheninitiative braucht es ein JA, weil der wirtschaftliche Wohlstand unseres Landes auf einer breiten Volksschulbildung beruht und wir uns keine Zweiklassengesellschaft mit 20% funktionalen Analphabeten leisten können.
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