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Condorcet-Blog: Schulische Integration auf dem Rückzug
#1
https://condorcet.ch/2019/06/schulische-integration-auf-dem-rueckzug/

Schulische Integration auf dem Rückzug

von Riccardo Bonfranchi

Schulische Integration von behinderten Schülern könne so nicht weitergeführt werden. Als Grund werden vor allem die verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen genannt, die ihre Lehrkräfte an den Rand der Belastbarkeit führen. Condorcet-Autor Riccardo Bonfranchi hält dies für eine fatale Argumentation, weil der «Schwarze Peter» hier einer Gruppe von Kindern zugewiesen wird.

Vermehrt konnte man in den vergangenen Wochen lesen, dass die schulische Integration von behinderten Schülern so nicht weitergeführt werden könne. Als Grund werden vor allem die verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen genannt, die ihre Lehrkräfte an den Rand der Belastbarkeit führen – oder gar darüber hinaus. Dies ist, aus meiner Sicht, eine fatale Argumentation, weil der «Schwarze Peter» hier einer Gruppe von Kindern zugewiesen wird, die gar nichts für das Scheitern des Ansatzes können. Ausgeblendet wird, dass die schulische Integration behinderter Kinder – dies betrifft sowohl lern- als auch geistig behinderte Kinder – in der praktizierten Form gar nicht durchführbar ist. Unabhängig von der Frage, ob die Regelschule der komplexen Aufgabe, behinderte Kinder adäquat zu fördern, überhaupt gerecht werden kann und ob dies ihre Aufgabe ist, darf nicht vergessen werden, dass insbesondere der oft ins Feld geführte soziale Aspekt gar nicht zum Tragen kommt.

Überforderung als Markenzeichen der Integration
Oft wird postuliert, wie «schön» es doch sei, wenn behinderte und nicht-behinderte Kinder und Jugendliche zusammenkämen. Und natürlich, dem ist zuzustimmen. Ob dies allerdings gerade in einem intellektuellen Raum des Lehrens und Lernens geschehen kann, erscheint mehr als fraglich. Wenn ein Schüler Tag für Tag miterlebt, dass er grosse Teile des im Unterricht behandelten Stoffes nicht versteht, wird ihn das wohl kaum glücklich machen. Die Zahlen von behinderten Schülern, die in der Mittel- bzw. Oberstufe an eine Heilpädagogische Sonderschule wechseln, legen hiervon beredtes Zeugnis ab. Insbesondere die soziale Austauschsituation überfordert häufig behinderte genauso wie nicht-behinderte Kinder. An einer Primarschule im Kanton Zürich habe ich beobachten können, wie der Lehrer mit den Regelschülern heimlich – also ohne Wissen des behinderten Kindes – einen Begleit-Ämtliplan aufgestellt hat, damit jeweils zwei Kinder sich eine Woche lang um den behinderten Mitschüler kümmern. Zuvor hatte dieser nämlich wochenlang ganz alleine seine Pausen verbracht.

Man wollte alles und hat nichts erreicht.
So eine Vorgehensweise ist gut gemeint, zeigt aber deutlich auf, dass eine solche (Schein-)Integration, die lediglich auf eine gemeinsam verbrachte Zeit hinausläuft, wohl kaum den hohen Zielen, die sich die Befürworter auf ihre Fahnen geschrieben haben, gerecht werden kann. Dass nun gerade die verhaltensauffälligen Schüler dafür herhalten müssen, dieses Experiment zu beerdigen, macht die Sache nicht besser. Alternative Modelle, wie beispielsweise eine Teil-Integration oder gemeinsam durchgeführte Projekte wie Lager, Zoo-Besuche oder vergleichbare Möglichkeiten, die Integration auf einem «sanfteren» Weg durchzuführen, haben nie Anklang bei der Bildungsdirektion gefunden. Man wollte alles und hat nichts erreicht.

Erhöhte Anzahl an Teilpensen als Reaktion der Lehrerschaft
Zu guter Letzt soll noch auf einen Widerspruch hingewiesen werden, der im Zusammenhang mit der Misere steht. Die Bildungsdirektion in Zürich strebt an, die Teilpensen an Schulen zu reduzieren, um dem zunehmenden Lehrermangel Herr zu werden. Wie das umgesetzt werden soll, ist nicht bekannt. Denn gerade die heutige Integrationspraxis ist massgeblich dafür verantwortlich, dass die Teilpensen üppig ins Kraut geschossen sind. Viele der Heilpädagoginnen, die in mehreren Klassen die stundenweise Begleitung behinderter Kinder sicherstellen und sich immer wieder auf neue Situationen und Kooperationen einstellen müssen, arbeiten nämlich Teilzeit. Diverse Gemeinden haben längst damit begonnen, kleine Klassen einzurichten, die den früheren Kleinklassen in auffallender Weise gleichen – nur dass diese nicht von Heilpädagogen geführt werden, sondern von nicht dazu ausgebildeten Oberstufenlehrkräften. Dass andererseits viele verhaltensauffällige Schüler umgeteilt werden auf Heilpädagogische Sonderschulen, die aber inzwischen auf Schüler mit einer geistigen Behinderung ausgerichtet sind, zeigt deutlich die Überforderung sämtlicher Stellen, die sich mit dieser sogenannten Integration, die eben keine ist, auseinandersetzen müssen. Die Frage ist nun: Wie kommen die verantwortlichen Stellen ohne Gesichtsverlust aus dieser Nummer wieder heraus? Es wäre ehrlich und notwendig zugleich, wenn man zugeben würde, dass man a) es versucht und b) sich geirrt habe.

Zum Autor:
Riccardo Bonfranchi ist promovierter Heilpädagoge, Ethiker, Supervisor in sozialpädagogischen Institutionen.
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