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Frontalunterricht – Paradebeispiel eines gezielt abwertenden Begriffs
#1
14.4.2020, Hanspeter Amstutz

Wenn man zurzeit gewissen Bildungspromotoren zuhört, scheint die Schule nach der Corona-Krise sofort eine radikale Erneuerung nötig zu haben. Da ist von einem digitalen Modernisierungsschub, von mehr eigenverantwortlichem Lernen und einer innovativeren Pädagogik die Rede. Die ganze unpräzise Fortschrittsrhetorik kommt zum Zug und soll die Lehrpersonen und Eltern auf die neue Phase der Schulentwicklung einstimmen. Wer etwas nüchterner die Reformankündigungen und die neusten Fachbegriffe hinterfragt, bekommt unmissverständlich zu hören, dass die Zeit des rückständigen Frontalunterrichts endgültig vorbei sei.

Was wurde mit einigen Fachausdrücken in der Pädagogik in den letzten Jahren nicht alles für Unfug angestellt! Das traurigste Beispiel aus dieser Reihe ist der abwertend verwendete Begriff „Frontalunterricht“. Prallen in unseren Vorstellungen dabei nicht Gegensätze aufeinander, ähnlich wie schleudernde Autos bei einem frontalen Zusammenstoss? Vielleicht wird ein geschichtlich interessierter Mensch diese Unterrichtsform unbewusst gar mit dem Grabenkrieg in Verbindung bringen. Standen sich einst feindliche Soldaten in Schützengräben gegenüber, so ist es jetzt ein befehlender Lehrer, der Front gegen seine Schüler macht.

Nur weil ein Lehrer beim gemeinsamen Klassenunterricht in der Regel vor der Klasse steht, lässt sich daraus kaum viel über die Art des Unterrichts aussagen. Im arg verteufelten Frontalunterricht steckt vielmehr alles drin, was guten Unterricht ausmacht: Lernen durch gut verständliche direkte Instruktion, Gespräche über gemeinsam erworbene spannende Inhalte, Erlebnis des gemeinsamen Übens, Ermutigung durch eine Zuversicht ausstrahlende Lehrperson, abwechslungsreiche und verlässliche Führung durch neue Stoffbereiche, humorvolle und nicht planbare Überraschungsmomente mit positiver Wirkung.

Allein die unvollständige Aufzählung der Möglichkeiten des gemeinsamen Klassenunterrichts zeigt, dass diese Unterrichtsform für jede Lehrperson eine eigentliche didaktische Herausforderung ist. Auch ohne Hattie zu zitieren darf man feststellen, dass diese Art des Unterrichtens zu Recht die Lektionsgestaltung prägt und sehr effizient ist. Und wie wir in der Corona-Krise sehen, vermissen die allermeisten Kinder die Geborgenheit einer gemeinsam lernenden Klassengemeinschaft. Doch was wird aus dieser lebendigen Lerngemeinschaft gemacht?

Politiker, die wenig vom Innenleben der Schule verstehen, greifen die Kritik am Frontalunterricht bei jeder Gelegenheit auf, um als Kenner moderner Didaktik zu gelten. Sie haben es dabei einfach, auf der Seite der vorherrschenden Meinung zu stehen, da individualisierendes und digitales Lernen in der Öffentlichkeit weit mehr Interesse findet als die Kunst des gemeinsamen Unterrichtens. Dazu kommt, dass sich ein Teil der Fachdidaktiker lieber mit neuen didaktischen Experimenten profilieren will als mit den anspruchsvollen Grundlagen des soliden Lernens. So kommt es, dass ein abwertend verwendeter Begriff grossen Beifall findet und erheblichen Schaden anrichtet.

Was bleibt zu tun? In erster Linie braucht es Lehrerinnen und Lehrer, welche sich in der Kunst des gemeinsamen Klassenunterrichts zuhause fühlen. Statt verschämt einzugestehen, dass der „Frontalunterricht“ in der Volksschule rein zeitmässig den grössten Teil des Unterrichts ausmacht, sollen sie zeigen, was diese Art der Kompetenzvermittlung für grossartige Möglichkeiten bietet. Für Kinder sind lebendige Beziehungen, wie sie auf unkomplizierte Weise am besten ein attraktiver Klassenunterricht bietet, absolut zentral. Es gilt, ein didaktisches Zerrbild als Folge eines verfehlten Begriffs wegzuwischen und durch eine verständliche und mutigere Kommunikation über die gelebte Wirklichkeit an unseren Schulen zu ersetzen.
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