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US-Lesereform 1970er Jahre: Kinderbücher für Erwachsene
#1
Kinderbücher für Erwachsene

Seite 19-21: Torey L. Hayden: „Bo und die anderen“. Erste deutsche Auflage 1982, amerikanisches Original 1981

In diesem Jahr führten wir gerade ein Leseversuchsprogramm in den Elementarklassen durch. Für mich war es nichts Neues. In meiner früheren Schule war dieses Programm auch schon ausprobiert worden. So wurde mir diese Katastrophe zweimal beschert.

Optisch gesehen, war das Programm hervorragend. Für die graphische Gestaltung hatte der Verlag offensichtlich Künstler beauftragt und keine Mühe gescheut. Die abgedruckten Geschichten waren teilweise literarisch hochstehend und machten beim Lesen richtig Spaß.

Sofern man lesen konnte.

Die Lesebücher richteten sich an Erwachsene - an solche Erwachsenen, die schon lange vergessen hatten, wie ein sechsjähriges Kind fühlen mochte, das noch nicht lesen konnte. Unzufriedene Vierzigjährige waren es leid, sich mit dem beschränkten Vokabular eines Erstkläßlers abfinden zu müssen, und das Produkt dieser Unlust waren die Lesebücher. Als Kinderbücher für Erwachsene waren sie unüberbietbar. Ich muß gestehen, daß ich sie am Anfang richtig verschlang. Ich war begeistert, ich wollte sie unbedingt lesen, aber ich war sechsundzwanzig Jahre alt! Wir kauften die Bücher im Grunde genommen für uns selbst.

Für die Kinder sah die Sache anders aus. Für meine Kinder jedenfalls. Ich hatte immer mit Anfängern und Versagern zu tun gehabt, und für diese war das Programm verheerend.

Bei früheren Leselernmethoden war darauf geachtet worden, daß Wörter und Sätze nicht zu lang und der Wortschatz überblickbar waren. Im neuen Programm war das nicht mehr so. Sogar die Illustrationen, obschon künstlerisch wertvoll, erhöhten kaum das Verständnis. Der erste Satz in der ersten Folge des Programms, das sich an sechsjährige ABC-Schützen richtete, bestand aus acht Wörtern, wovon eines aus drei Silben zusammengesetzt war. Einige Kinder kamen damit zurecht. Sie schafften den ersten Satz und alle folgenden Sätze auch. Die Mehrheit der Kinder jedoch - und dazu gehörten selbstverständlich meine - schlugen sich ein volles Jahr mit der ersten Folge herum, ein Pensum, das sonst spielend bis Weihnachten bewältigt worden war. Sie kamen überhaupt nie in den Genuß der Fortsetzung.

Auch andere Lehrer hatten ihre liebe Not mit dem unglückseligen Lesestoff. Fast alle Erst- und Zweitklaßlehrer stöhnten und waren vom angestrebten Lernziel weit entfernt. Es war üblich, daß die Herausgeber eines neuen Leseprogramms bei uns in der Schule eine Tabelle anschlugen, wo genau markiert war, wie weit der Lehrer mit seinen Schülern bis zu einem bestimmten Stichtag sein sollte. So eine Tabelle gab es auch für diese Leseserie. Geknickt standen wir fünf betroffenen Lehrer davor und fanden bestätigt, was wir schon ahnten: Wir waren hoffnungslos im Rückstand. Keiner von uns würde das Programm in der vorgeschriebenen Zeit schaffen.

Nach fünf Monaten erfolglosen Ringens brach bei uns ein Sturm der Entrüstung los. Wir meldeten uns beim Schulamt und verlangten Rechenschaft für diesen Wahnsinn. Worauf uns die Ehre eines Besuchs des Verlagsvertreters zuteil wurde, der uns Rede und Antwort zu stehen hatte. Ich hatte erwartet, er würde meiner Feststellung, daß mehr als die Hälfte der Kinder die Anforderungen des Programms nicht erfüllten, entgegen halten, wir seien halt einfach schlechte Pädagogen. Aber weit gefehlt. Der Mann war entzückt. Wir hätten unsere Sache prima gemacht, denn nur von 15% aller Anfänger werde überhaupt erwartet, daß sie das Erstklaßprogramm im ersten Schuljahr wirklich beherrschten. Bei den restlichen 85% werde gar nicht damit gerechnet.

Ich war sprachlos. Das Entsetzen packte mich. Da benützten wir also ein Programm, das sage und schreibe darauf angelegt war, die Schüler zum Scheitern zu bringen. Alle, ausgenommen einige Musterschüler, waren demzufolge dazu verurteilt, als «schwacheLeser» abgestempelt zu werden. Alle jene Lehrer, die die Ziele des Verlages nicht kannten, mußten weiterhin annehmen, daß die Tabelle stimmte; sie würden ihre Kinder weiterhin durch das Erstklaßprogramm hetzen, in der falschen Annahme, der ganze Stoff müsse in einem einzigen Jahr bewältigt werden. Katastrophal aber waren die Folgen. Zwangsläufig fielen durchschnittlich intelligente Kinder im Laufe der Zeit immer weiter zurück. In der fünften oder sechsten Klassewaren sie bereits mit zwei Büchern im Rückstand, fühlten sich als Versager, obwohl sie leistungsmäßig genau dort waren, wo der Verlag sie haben wollte. Niemand konnte einem Kind, das in der sechsten Klasse beim Viertklaß-Lesebuch angelangt war, plausibel machen, es sei trotzdem ein völlig normaler und guter Schüler. Man hatte ihm ja bewiesen, daß es dumm war. Für den Verlag bedeutete die ganze Angelegenheit nicht mehr als eine statistische Spielerei. Für die Kinder war es bitterer Ernst. Sie mußten einen zu hohen Preis für ein ästhetisch ansprechendes Buch zahlen.

Bo war eines der unfreiwilligen Opfer dieses Leseprogramms. Dieses Kind, das schon mit genug Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, dem Lesen und Schreiben in jedem Fall schwerfielen, war nun noch zusätzlich mit diesen verhängnisvollen Büchern und einer Lehrerin, die diese Bücher samt allen Sonderschülern haßte, geschlagen.

Seite 235: Torey L. Hayden: „Bo und die anderen“. Erste deutsche Auflage 1982, amerikanisches Original 1981

Das Buch hiess Dick und Jane. Es war das gute alte Lesebuch aus dem Jahr 1956, gründete also keineswegs auf neueste pädagogische Erkenntnisse, war aber genau das richtige für uns: wenig Text und viele Bilder. Der einfache Aufbau kam meinen schulmüden Kindern entgegen; deshalb hatte ich es schon öfter benutzt. Es war ein Taschenbuch, wie fast alle Vorschulfibeln. (…) Was immer jetzt auch geschehen mochte, ich wusste, dass ich ihr das Wichtigste gegeben hatte, nämlich das Vertrauen, lesen zu können. Niemand würde in Zukunft das Gegenteil behaupten können.
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