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Mainstreaming-Gesetz in den USA 1975
#1
Ich hätte nicht überrascht zu sein brauchen

Seite 11-12: Torey L. Hayden: „Meine Zeit mit Sheila“. Erste deutsche Auflage 1995, amerikanisches Original 1995

Ich unterrichtete die „Abfallklasse“, wie wir in unserem Schulbezirk durchaus liebevoll zu sagen pflegten. Es war das letzte Jahr vor der gesetzlichen Einführung des sogenannten „Mainstreaming“, das gemeinsamen Unterricht behinderter Kinder mit nichtbehinderten verlangte. Wir hatten also in unserem Bezirk noch die zahllosen kleinen Unterrichtsräume, von denen jeder einer bestimmten Gruppe behinderter Kinder zur Verfügung stand. Es gab Sonderklassen für körperlich Behinderte, für geistig Behinderte, für Verhaltensgestörte, für Sehbehinderte, um nur einige zu nennen. Meine acht Schüler waren die Übriggebliebenen, Kinder, die sich nicht einordnen liessen. Alle litten sie an emotionalen Störungen, aber die meisten waren ausserdem geistig oder körperlich behindert. Von den acht Kindern in der Gruppe – drei Mädchen und fünf Jungen – konnten drei nicht sprechen, eines konnte zwar sprechen, weigerte sich aber, es zu tun, und ein anderes sprach nur echoartig, die von anderen gehörten Worte nach. Drei brauchten noch Windeln, und bei zweien war regelmässig mit „Unfällen“ zu rechnen. Da ich in meiner Gruppe die gesetzlich höchstzulässige Zahl behinderter Kinder hatte, bekam ich gleich zu Beginn des Schuljahres einen Helfer; aber es wurde nicht, wie ich erwartet hatte, eine der aufgeweckten, einsatzfreudigen Hilfskräfte, die bereits an der Schule angestellt waren. Man teilte mir einen mexikanisch-amerikanischen Wanderarbeiter namens Anton zu, den man aus der Liste der örtlichen Sozialhilfeempfänger herausgepickt hatte.

Seite 36-37: Torey L. Hayden: „Meine Zeit mit Sheila“. Erste deutsche Auflage 1995, amerikanisches Original 1995
Meine Klasse sollte am Ende dieses Schuljahrs aufgelöst werden. Das „Mainstreaming“-Gesetz, das vorschrieb, dass jedes behinderte Kind in Zukunft mit nichtbehinderten Kindern zusammen zu unterrichten sei, war die Hauptursache. Die meisten Sonderschulen wurden aufgelöst, und Lehrkräfte wie ich sollten als „Hilfskräfte“ eingesetzt werden, um den regulären Lehrkräften, die von nun an behinderte Kinder unter ihren Schülern haben würden, Hilfestellung zu geben.
Mir behagte diese Veränderung nicht sonderlich. Gern hätte ich das neue Gesetz aufgrund der vorgegebenen Begründung – dass diese Regelung die Gleichstellung behinderter Kinder fördere und ihnen mehr Entwicklungsmöglichkeiten biete – akzeptiert, aber dazu war ich zu sehr Zynikerin. Der weit naheliegendere Beweggrund war in meinen Augen, dass sich auf diese Weise eine Menge Geld sparen liess.

Was mich betraf, so eignete sich mein Unterrichtsstil am besten für die unabhängige, in sich geschlossene Gruppe. Unter solchen Vorrausetzungen konnte ich meine Fähigkeiten am wirksamsten einsetzen. Ich konnte so eine Atmosphäre schaffen, die inzwischen zu meinem Markenzeichen geworden war – geprägt von engem und die Kinder fördernden Kontakt. Ich ging davon aus, dass ich so am meisten zum positiven Wachstum meiner Schützlinge beitragen konnte. Es ist verständlich, dass mir unter diesen Umständen natürlich davor graute, eine ambulante Hilfskraft zu werden, die nur noch mit einer Liste pädagogischer Problemfälle zu tun hatte, für deren Bearbeitung ihr jeweils zwanzig Minuten pro Woche zugestanden wurden. Das schwierigste für mich jedoch war die Einengung durch strenge theoretische Vorgaben. Ich war eine Praktikerin, die nicht auf ein bestimmtes System festgelegt war. (…)


Im Rahmen des neuen Gesetzes sollten wir uns jedoch in unseren Arbeitsmethoden auf eine Form der Verhaltensmodifikation [Verhaltenstherapie] beschränken. Ich war durchaus qualifiziert, mit diesem Ansatz zu arbeiten, aber ich fand, dass man die Methode weit überschätzte, und hielt die Therapie für nicht ungefährlich.
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