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Total-Integration produziert Separation
#1
Gemäss UN Behindertenkonvention (Artikel 24 Bildung) dürfen Menschen mit Behinderungen nicht vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden. Integration bedeutet folglich innerhalb, Separation ausserhalb der unentgeltlichen und obligatorischen Volksschule. Sonderschulen und Kleinklassen sind demzufolge mit der UN Behindertenkonvention kompatibel, wenn sie unter dem Dach der Volksschule allgemein zugänglich sind.
 
Die Totalintegration in die Regelklasse, wie sie von Bildungsdirektoren und -politikern angestrebt wird, ist keine Forderung der UN Behindertenkonvention. Wenn heute die totale „Integration“ als das gute, neue System hochstilisiert wird und „Separation“ geradezu als Unwort verdammt wird, hat das rein politische Gründe und dient den behinderten Kindern in keiner Weise. Völlig verantwortungslos ist, dass diese grundlegende Systemänderung nicht zuerst in der Praxis bei einzelnen Versuchsschulen ausprobiert wurde und dass sie nicht wissenschaftlich überprüft wurde. Erst jetzt hat die Universität Tübingen in einer Studie festgestellt, dass das Konzept in der Praxis untauglich ist. Die Frankfurter Allgemeine spricht gar von einem pädagogischen Himmelfahrtskommando.
 
Es zeichnet sich nun offenbar ab, dass die in die Regelklassen integrierten Schüler bei Schulende im Erwerbsleben nicht bestehen können und eine neue bis zum 20. Altersjahr weiterführende Schule als "Separation" (!) aufgebaut werden muss. In diesem Sinne „produziert“ die total integrative Regelschule neue Separation.
 
 
 
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#2
I m m e r   w e n i g e r   S c h ü l e r  w e r d e n  m i t g e n o m m e n
(LESERBRIEF zu "Die Klasse wiederholen war einmal", NZZaS, 25.10.2015 von René Donzé)

Bis vor wenigen Jahren haben alle Lehrer ihre Schüler so unterrichtet, dass sie am Ende des Schuljahres das gemeinsame Klassenziel erreichen konnten, damit der Lehrerkollege in der nächsten Klasse mit seinem Stoff nahtlos fortfahren konnte. Damit konnte die für das Lernen optimale Homogenität der Jahrgangsklassen erreicht werden. Schüler, die dieses Ziel nicht erreicht haben, erhielten Gelegenheit in einem Repetitionsjahr ihre Lücken aufzuholen. Sehr vielen Schülern ist es mit diesem Zusatzjahr gelungen, den Anschluss wieder zu finden und ihre Schulzeit erfolgreich zu beenden.

Mit der "Total-Integration" und der bewussten Herbeiführung von Heterogenität durch weitgehende Abschaffung der im Volkschulgesetz vorgesehenen (!) Einschulungsklassen, Aufnahmeklassen für Fremdsprachige, Kleinklassen und Sonderschulen ist die Erreichung des Klassenziels für viele Schüler nicht mehr möglich. Die Lücken werden von Jahr zu Jahr grösser und bis Schulabgang verringern sich die Chancen für das Berufsleben teilweise dramatisch. Wenn Studien nun behaupten, dass Repetition (heute) nichts bringe, hängt das vermutlich damit zusammen, dass die Lücken durch das „Heterogenitätssystem“ so gross geworden sind, dass sie in einem Zusatzjahr nicht mehr aufgeholt werden können oder man glaubt, auf dem Buckel der schwachen Schüler Geld sparen zu können.

Es war einmal eine Schule, wo alle Schüler bei Schulende lesen, schreiben und rechnen konnten.
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#3
"Eine Klassenrepetion bringt nichts".

Als Spezialist für ADS / ADHS Schüler weiss ich leider nur allzu gut, wie falsch und fatal die Aussage sein kann, dass eine Repetition nichts bringe.
Die körperliche und geistige Reifung unserer Schüler und Schülerinnen geht nun einmal nicht nach dem kalendarischen Alter und dem Lehrplan. Bei den ADHS Schülern ist bekannt, zumindest jenen Lehrpersonen, die sich dafür interessieren (!), dass die Frontalhirnreife sehr oft ein bis zwei Jahre dem chronologischen Alter hinten nach hinkt.
Jedermann weiss, dass man ein Kleinkind weder mit ISF noch mit Aufgabenhilfe, weder mit Schokolade noch mit Peitsche mit 6 Monaten schon gehen lernen kann.
Was diese Kinder brauchen ist mehr Zeit (!).
Gerade diese Woche hörte ich in der Schule bei einem "meiner" ADS-Kinder den Spruch, eine Wiederholung bringe nichts, als ich bat ihn die 5. Klasse repetieren zu lassen. Für solche Schüler gäbe es in der Oberstufe die Sek. C. Die Lehrpersonen attestierten dem Knaben zwar einstimmig eine genügende Intelligenz für die Sek. B, doch wenn er nicht "wolle", dann müsse er eben die Folgen tragen. Ich erlebe den Knaben als sehr willig und bemüht, doch eben frontalhirnmässig um mindestens ein Jahr reifeverzögert.
Und dann staunt man, wenn das Kind sich verweigert und andererseits das Ritalin boomt.
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#4
(08-30-2015, 07:22 AM)Die schrieb: Gemäss UN Behindertenkonvention (Artikel 24 Bildung) dürfen Menschen mit Behinderungen nicht vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden. Integration bedeutet folglich innerhalb, Separation ausserhalb der unentgeltlichen und obligatorischen Volksschule. Sonderschulen und Kleinklassen sind demzufolge mit der UN Behindertenkonvention kompatibel, wenn sie unter dem Dach der Volksschule allgemein zugänglich sind.
 
Die Totalintegration in die Regelklasse, wie sie von Bildungsdirektoren und -politikern angestrebt wird, ist keine Forderung der UN Behindertenkonvention. Wenn heute die totale „Integration“ als das gute, neue System hochstilisiert wird und „Separation“ geradezu als Unwort verdammt wird, hat das rein politische Gründe und dient den behinderten Kindern in keiner Weise. Völlig verantwortungslos ist, dass diese grundlegende Systemänderung nicht zuerst in der Praxis bei einzelnen Versuchsschulen ausprobiert wurde und dass sie nicht wissenschaftlich überprüft wurde. Erst jetzt hat die Universität Tübingen in einer Studie festgestellt, dass das Konzept in der Praxis untauglich ist. Die Frankfurter Allgemeine spricht gar von einem pädagogischen Himmelfahrtskommando.
 
Es zeichnet sich nun offenbar ab, dass die in die Regelklassen integrierten Schüler bei Schulende im Erwerbsleben nicht bestehen können und eine neue bis zum 20. Altersjahr weiterführende Schule als "Separation" (!) aufgebaut werden muss. In diesem Sinne „produziert“ die total integrative Regelschule neue Separation.
 
 
 

Die grösste Belastung für die Regelklassen sind meistens nicht behinderte Kinder, sondern Schüler mit schweren sozialen Defiziten. Wenn die Klassenlehrerin ihre Aufmerksamkeit stets auf einen oder zwei stark Verhaltensauffällige fokussieren muss, leidet das Schulklima. Die Lehrerin ist letztlich mit einer solchen Aufgabe hoffnungslos überfordert. Denn die Eltern erwarten ja, dass sie möglichst alle Schüler vorwärtsbringt. Doch dafür fehlt ihr einfach die Zeit.
Es gibt schwierige Schüler mit einem sehr hohen Betreuungsbedarf. Für diese kann eine separierende Lösung in einer modernen Kleinklasse der beste Weg sein, um Tritt zu fassen.
Leider scheitert diese Möglichkeit oft am vorherrschenden Dogma der heutigen Bildungswissenschaft und an mutlosen Behörden.
Es stossend, wie wenig pragmatisch unsere Bildungspolitik ist und wie eisern gescheiterte Prinzipien verteidigt werden. Wie lange geht das noch so weiter?
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#5
(10-27-2015, 12:43 PM)Schulpfleger schrieb: I m m e r   w e n i g e r   S c h ü l e r  w e r d e n  m i t g e n o m m e n
(LESERBRIEF zu "Die Klasse wiederholen war einmal", NZZaS, 25.10.2015 von René Donzé)

Bis vor wenigen Jahren haben alle Lehrer ihre Schüler so unterrichtet, dass sie am Ende des Schuljahres das gemeinsame Klassenziel erreichen konnten, damit der Lehrerkollege in der nächsten Klasse mit seinem Stoff nahtlos fortfahren konnte. Damit konnte die für das Lernen optimale Homogenität der Jahrgangsklassen erreicht werden. Schüler, die dieses Ziel nicht erreicht haben, erhielten Gelegenheit in einem Repetitionsjahr ihre Lücken aufzuholen. Sehr vielen Schülern ist es mit diesem Zusatzjahr gelungen, den Anschluss wieder zu finden und ihre Schulzeit erfolgreich zu beenden.

Mit der "Total-Integration" und der bewussten Herbeiführung von Heterogenität durch weitgehende Abschaffung der im Volkschulgesetz vorgesehenen (!) Einschulungsklassen, Aufnahmeklassen für Fremdsprachige, Kleinklassen und Sonderschulen ist die Erreichung des Klassenziels für viele Schüler nicht mehr möglich. Die Lücken werden von Jahr zu Jahr grösser und bis Schulabgang verringern sich die Chancen für das Berufsleben teilweise dramatisch. Wenn Studien nun behaupten, dass Repetition (heute) nichts bringe, hängt das vermutlich damit zusammen, dass die Lücken durch das „Heterogenitätssystem“ so gross geworden sind, dass sie in einem Zusatzjahr nicht mehr aufgeholt werden können oder man glaubt, auf dem Buckel der schwachen Schüler Geld sparen zu können.

Es war einmal eine Schule, wo alle Schüler bei Schulende lesen, schreiben und rechnen konnten.
Das sture Verbot von Repetitionen ist besonders störend bei der Aufstufung von Schülern innerhalb der Sekundarschule. Wenn ein Schüler nach dem achten Schuljahr in eine höhere Abteilung wechselt, ist eine freiwillige Repetition der Klasse meist sehr sinnvoll. Früher hatten diese Schüler durch einiges Vorwissen so einen prima Start in der neuen Klasse, jetzt müssen sie oft vieles unter Stress nachholen. Was bedeutet denn das schon, ein Jahr länger in der Schule zu sein im Vergleich zur gesamten Ausbildungsdauer eines Menschen? 
Das Repetitionsverbot zählt zwar nur zu den mittelschweren pädagogischen Dummheiten der Bildungstheoretiker, aber der Schaden ist nicht unbedeutend.
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#6
Separation ist nicht nur schlecht

Ich habe eine Studie über Resilienz bei Jugendlichen gelesen, die zu denken geben muss. Zuerst zum Begriff: Resilienz ist die psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber Entwicklungsrisiken. Resiliente Jugendliche können bei Krisen im Lebenszyklus auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zurückgreifen um die Situation zu meistern. Auf Grund der Resultate wird auch die Schulform zur Diskussion gestellt. Es ist offenbar so, dass Jugendliche mit besonderem Bildungsbedarf resilienter sind, wenn sie separat unterrichtet werden als wenn sie in Regelklassen integriert sind. Eine weitere Studie also, die den aktuellen Schulentwicklern nicht in den Kram passt. Vielleicht sagt ihnen (vor allem den Politikern) das Wort Resilienz auch nichts. Aber gefestigte Jugendliche brauchen ein hohes Mass davon. Eine weitere Sichtweise also um die grenzenlose Integration kritisch zu hinterfragen. 
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